Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für ihn: es ist alles bereit. So erwartet er jetzt den Reichsanbruch für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.

Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen Strand, wo sie gelandet.

Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse, damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht. Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht, ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.

Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die sie zur Landung ankämpften.

Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu verleugnen in der Erniedrigung.

Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart. Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde. Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will es die Schrift.

Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus. Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese erste eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.

Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich. Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen. In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen Verständnis des Lebens Jesu. Während den jerusalemitischen Tagen kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen. Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung. Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des galiläischen Niedergangs zu erfinden, um den Zusammenhang der berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in unseren Evangelien. Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.

Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei messianische Thatsachen ins Klare kommen.

Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe die messianische Zeit angebrochen?