Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens da sind?

In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf ohne allgemeine Enddrangsal. Derjenige, den er zur Herrschaft in Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben, Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit gepredigt, irre werden, — wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.

So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten, bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, da ganz Israel sich dort versammelte.

Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf. Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte. Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach Jerusalem.

Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo Gott redet.

Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander. Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse. Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben in dienender Hingabe eine Sühne leisten.

Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte. Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge umdrängt.

Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten, bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind Warnrufe, die zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht? bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder nicht?

Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch die irdische Herrschaft gerade so gut wie die irdische Menschennatur abgethan!