Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken, dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.
In welcher Vollmacht wirkte der Täufer? Wenn sie es wüssten, dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde des Reiches geschlagen hat.
Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids Herr, also über ihm? Wenn sie das erklären könnten, dann verständen sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.
So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise Geheimnisse bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins Verderben ziehen. Darum: Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!
Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb »nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.
Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über den Tempel: das war alles. Da verriet ihnen Judas das Geheimnis. Jetzt war er verurteilt.
In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: denn mit dem Tod kommt das Reich. Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte ihnen nichts verdeutlichen — denn es war ein Geheimnisgleichnis.
Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in der Nacht sich alle an ihm ärgern werden — und er braucht sie nicht zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im Todesgang gefolgt sind.
Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in seiner Allmacht möge den Leidenskelch an seinen Lippen vorübergehen lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen, er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.
Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.