Guilmant improvisiert gern. Widor nicht so sehr, „nur wenn er sich gedrungen fühlt, etwas zu sagen.“ Viernes Improvisationen zu Notre-Dame zeichnen sich durch ihre Formvollendung aus. Zu den hervorragenden Improvisatoren gehört auch Schmidt, einer der begabtesten der jungen Generation, der leider durch seine Ernennung zum Maître de Chapelle an St. Philipp du Roule für die Orgel vorläufig verloren ist.
Im allgemeinen spielen Improvisation und ebenso Auswendigspielen im französischen Orgelunterricht, wie ihn früher Widor, jetzt Guilmant und sein Gehilfe Vierne am Konservatorium erteilen, und nicht minder im Unterrichte Gigouts, eine größere Rolle als bei uns. Für den Wettbewerb um den Organistenposten zu Notre-Dame wurde gefordert: Improvisierung einer Fuge über ein gegebenes Thema, eine freie Improvisation und zwanzig moderne oder klassische Orgelwerke auswendig. Der pädagogische Wert des Auswendigspielens auf der Orgel ist aber auch tatsächlich ganz ungeheuer, da der Schüler dabei gezwungen ist, sich über alles Rechenschaft zu geben. Wir vernachlässigen das Auswendigspielen auf der Orgel vielleicht etwas zu sehr.
Die andere französische Orgelschule, durch Guilmant, früher an der Trinité, und Widor, zu St. Sulpice, repräsentiert, ging von Belgien aus. Guilmant und Widor waren Schüler von Lemmens, der seinerseits wieder Schüler von Hesse war. So waren Guilmant[12] und Widor, wie ihre ersten Werke zeigen, von Anfang an mit dem aus Bach geflossenen Orgelstil bekannt und brauchten nicht erst zu suchen und zu tasten.
Guilmant ist nicht nur einer der hervorragendsten Spieler, sondern auch zugleich der universellste Lehrer der Jetztzeit, von hervorragender pädagogischer Begabung und musikhistorischer Bildung. Er ist es, der die alte, vorbachische Orgelmusik in Frankreich bekannt machte. Was die deutsche Orgelmusik aus seinen Werken betreffs der Form und des Aufbaus lernen kann, ist in der deutschen Kritik seit Jahren immer betont worden.
Widor ist mehr ein nach innen gekehrter Geist. Seine zehn Symphonien[13] stellen die Entwicklung der Orgelkunst, wie er sie an sich erlebt hat, dar. Die ersten sind formvollendete, mehr von lyrisch-melodischem, manchmal sogar sentimentalem Geiste durchwehte Schöpfungen, die aber in der wunderbar großen Struktur der Themen die einzigartig organistische Begabung des Schöpfers zeigen. Mit der fünften Symphonie verläßt er diese Bahn. Das Lyrische tritt zurück; etwas anderes ringt nach Gestaltung. Zunächst noch in melodischer Form, in der fünften und sechsten Symphonie, die zu seinen bekanntesten gehören. Die siebente und achte sind Übergangswerke. Sie sind orgelmäßig und doch gewagt orchestral gedacht. Welch ein Wunderwerk, der erste Satz der achten Symphonie! Zugleich aber tritt das Herbe immer stärker hervor, das Herbe, das Widor dann in den beiden letzten Symphonien zur heiligen Kunst zurückführt. „Es ergeht mir merkwürdig“, sagte er mir in jener Periode, „außer Bachs Präludien und Fugen, oder mehr noch, außer gewissen Präludien und Fugen von Bach, kann ich keine Orgelkunst mehr als heilig empfinden, die nicht durch ihre Themen, sei es aus dem Choral, sei es aus dem Gregorianischen Gesang, für die Kirche geheiligt ist“. Darum ist die neunte Symphonie (Symphonie Gothique) über das „Puer natus est“ als Weihnachtssymphonie geschrieben und die zehnte (Symphonie Romane) über das wunderbare Motiv des „Haec dies“ als Ostersymphonie gedacht. Und als er an einem Maisonntag, mit dem Technischen noch ringend, das Finale der Romanischen Symphonie zum erstenmal zu St. Sulpice spielte, da fühlte ich mit ihm, daß in diesem Werk die französische Orgelkunst in die heilige Kunst eingegangen, jenen Tod und jene Auferstehung erlebt hatte, die jede Orgelkunst, und in jedem Individuum, erleben muß, wenn sie Bleibendes schaffen will.
Louis Vierne, der 1900 als kaum Dreißigjähriger an die Notre-Dame-Kirche berufen wurde, ist Schüler von César Franck, Widor und Guilmant. Seine zwei groß angelegten Orgelsymphonien versprechen sehr viel[14].
Nicht vergessen möchte ich des wackeren Dallier, eines Schülers Francks, früher an St. Eustache, jetzt an der Madeleine, wo er Nachfolger Gabriel Faurés, des wunderbaren und vollendeten Improvisators und Bachkenners, wurde, der seinerseits Dubois’ Nachfolger war. Eine Wiedergabe der Bachschen Es-dur-Tripelfuge während einer musikalischen Feier zu St. Eustache wird mir unvergeßlich bleiben.
Von den Jungen seien genannt: Quef, Nachfolger Guilmants an der Trinité, Tournemire an St. Clothilde, Jacob, ein ganz hervorragender Spieler, an St. Louis d’Antin, Marti zu St. François-Xavier, Libert an der Basilique St. Denis, Maquaire, der Ersatzmann Widors zu St. Sulpice, von dem eine sehr interessante Orgelsymphonie bei Hamelle erschienen ist, Bret, der als Dirigent der Bachgesellschaft seine Kräfte jetzt ausschließlich in den Dienst der Sache des Altmeisters stellt, Mahaut, ein vollendeter Spieler, zugleich begeisterter Interpret der Werke seines Lehrers César Franck und Bonnet, der Nachfolger Dalliers an St. Eustache.
Gemeinsam ist den beiden Schulen, und in beiden den Alten wie den Jungen, die Verehrung für Bach. Es wird bei uns kaum mehr und so ausschließlich Bach gespielt als in manchen Pariser Kirchen. Während des Offertoriums zu Notre-Dame zieht Bachs Choralvorspiel über „O Mensch bewein’ dein’ Sünde groß“ durch die mächtigen Hallen der Kathedrale.
Von der Zukunft der französischen Schule vermag ich nichts zu sagen. „L’orgue Moderne“, eine unter Widors Patronat periodisch erscheinende Sammlung der neueren und neuesten Versuche, befriedigt mich eigentlich nicht. Formell ist darin alles gut, weit ausgereifter als die Erstlingswerke unserer deutschen Organistenjugend. Aber es fehlt die Erfindung, der Sturm und Drang, die Gärung, die einem die Gewißheit geben könnten, daß aus dieser tüchtigen jungen Generation etwas mehr als Tüchtiges, etwas Großes, Bleibendes hervorgehen wird. Die gleichzeitigen Werke der jungen deutschen Organistenwelt zeigen ein weniger großes formelles Können, zuweilen eine Verneinung des Orgelstils, weniger Überlegung und Klarheit, aber dafür in manchen einen vielversprechenden Ideenreichtum.