Ludwigstadt. Probstzella.
Nördlich des Rennsteigs, unweit des Dörfchens Brennersgrün, erhebt sich der fichtenbewachsene Wetzstein (785 m), der höchste Berg des Frankenwaldes. Westlich davon rinnen die Quelladern der Loquitz, die sich nach einem außerordentlich gewundenen Laufe bei Eichicht in die Saale ergießt. Am oberen Flußlauf ist das bayerische Ludwigstadt (1700 Einw.) die bedeutendste Siedelung. Auf dem nördlichen Hange gelegen, hat der Marktflecken zu Bayern erst engere Verkehrsbeziehungen erhalten durch die Eisenbahn, die hier Süd und Nord miteinander verbindet. In der Nähe gibt es viele Schieferbrüche, deren Ausbeute zu Tafeln, Dachschiefern und Wetzsteinen verarbeitet wird. An der Einmündung der Zopte liegt der meiningische Flecken Probstzella (1200 Einw.), mit Porzellan- und Holzwarenindustrie. Probstzella (des Probstes Zelle) verdankt seine Entstehung einer Kapelle, die das Saalfelder Peterskloster hier für die zerstreut wohnenden Wäldler erbauen ließ. In der Nähe bestehen große Schieferbrüche, besonders am Bocksberg (Schieferbruch Selig) und am Kolditzberg sowie bei Kleinneundorf. Im ehemaligen Eisenhammer Gottesgabe ist heute eine Steinschleiferei thätig, wo Thonschiefer zu verschiedenartigsten Gebrauchsgegenständen verarbeitet wird. Bei Hockeroda mündet die Sormitz in die Loquitz; der Hockerodaer Hammer ist jetzt eine Holzstofffabrik.
Abb. 39. Mündung des Schwarzathals.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Lehesten. Schieferindustrie.
Von Ludwigstadt führt eine Zweigbahn zum meiningischen Städtchen Lehesten (2000 Einw.), dem Hauptsitz der thüringischen Schieferindustrie und der größten Schieferbrüche des europäischen Festlands überhaupt, die einen Jahresumsatz von über 2½ Mill. Mark erzielen bei einer Produktion von 42000 Tonnen (je zu 1000 kg). Der thüringische Schiefer ist in Bezug auf Güte und Schönheit unerreicht und deckt mit seinen Tafeln die Dächer vieler Gebäude in allen Weltteilen. Eine Masse von Arbeit ist nötig, ehe der Schiefer zum fertigen Gebrauche vorliegt. Am gesuchtesten ist der Dach- und Tafelschiefer von glänzend blauschwarzer Farbe, der sich noch durch Leichtigkeit, Feinheit, Reinheit und Dauerhaftigkeit auszeichnet. Von den Tafeln kommen die größten unter Hobelmaschinen und ersetzen dann die Marmorplatten bei Billards u. s. f. In ungeheuerer Anzahl wurden früher die kleinen Schiefertafeln für Schulzwecke hergestellt, doch ist die Herstellung wegen der geringeren Nachfrage zurückgegangen. Das Bearbeiten der Tafeln erfolgt vielfach als Hausindustrie, und in manchem ärmlichen Dörfchen des Gebirges sind viele fleißige Hände thätig bis hinab zu den Kinderhänden, die hier nur durch dauernde Arbeit das Wort: »Viel Kinder viel Segen« wahr machen können. Die Tafelindustrie ist in Lehesten und Gräfenthal am stärksten, neuerdings auch in den bayerischen Bezirken Kronach und Stockheim. Die Konkurrenz der Aufkäufer und Großhändler hat die Wirkung gehabt, daß hier wie fast in allen hausindustriellen Gebieten die Preise bis zum äußersten herabgedrückt sind. Wöchentlich kann eine Familie etwa ein Schock Tafeln liefern, wofür 18 bis 20 Mark bezahlt werden; an Kosten für Schiefer gehen aber fast drei Viertel davon ab, so daß für die ganze Arbeit von 14 bis 18 Stunden täglich noch nicht eine Mark bleibt; das Holz ist als kostenlos zu berechnen, da man so viel »findet«, als man braucht. In neuester Zeit wird aber auch viel Schweizer Schiefer verarbeitet, der einschließlich der Fracht noch billiger ist als der an Ort und Stelle gebrochene. Die billige Hausindustrie ist hier immer noch erfolgreich in Wettbewerb mit den gut eingerichteten Tafelfabriken Rheinlands und Westfalens, sie hat aber den amerikanischen Markt verloren, da dort aus eigenem Schiefer jetzt Tafeln hergestellt werden.
Griffelindustrie.
In besonderen Brüchen wird der Griffelschiefer gebrochen, der die zahllosen Schieferstifte liefert. Die Griffelindustrie war früher in Sonneberg stark vertreten, ist jetzt aber mehr in den schieferreichen Gebieten bei Steinach, Lehesten und Gräfenthal vorhanden. Der in den Brüchen gewonnene Stein muß leicht spaltbar und weich sein, weshalb er möglichst feucht gehalten und vor Wind und Sonnenstrahlen behütet wird. Auch beim Griffelmachen müssen alle Familienmitglieder mithelfen: der Vater bricht den Stein, sägt und zerspaltet ihn; das Runden, Aussuchen, Bemalen oder Bekleben und Spitzen besorgen Frau und Kinder. Eine Griffelmacherfamilie fertigt wöchentlich 12000 bis 15000 Griffel, von deren Verkaufspreis die Lebensführung abhängig ist. Aber auch hier kam rücksichtsloseste Konkurrenz zwischen den privaten Griffelmachern und den Genossenschaften, so daß trotz aller Mühe der Preis für das Tausend bis eine Mark und darunter sank. Eine andere Schieferart liefert den harten hellfarbigen Wetzschiefer, woraus die Wetzsteine hergestellt werden. Die größten Schieferbrüche sind der herzogliche Schieferbruch mit 600 Arbeitern, und der Oertelsche Schieferbruch mit etwa 1000 Arbeitern, durch eine 3 km lange Zahnradbahn mit dem Bahnhof Lehesten verbunden. Diese Betriebe gehören geologisch zum Kulm oder unteren Karbonformation, in der Thonschiefer vorherrschen, während in der oberen Karbonformation die Grauwacken überwiegen. Oft durchsetzen Grünsteine die meist steil aufgerichteten Schieferlager, so im malerischen Höllenthal (unteres Selbitzthal), am Lobensteiner Kulm, im Thale der wilden Rodach und anderwärts, aber auch Granit, wie am Hainberg (704 m) bei Schmiedebach unweit von Lehesten.
Erdgeschichte des Frankenwaldes.