Abb. 41. Paulinzella.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Lauscha. Steinach.

Wir betreten hier eine Gebirgslandschaft, die bis zu den Kammhöhen hinauf vom Segen der Arbeit befruchtet wird und deshalb auf verhältnismäßig magerem Boden und trotz ausgedehntester Waldungen volksreiche Ortschaften aufweist. Im Osterländischen Stufenlande hat sich die Textilindustrie zur Großindustrie umgewandelt, daran schließt sich im Frankenwalde eine großartige Schieferindustrie, die vielfach noch hinübergreift in den Thüringerwald, wo sich dann Porzellan- und Glasindustrie anschließen, um im Südwesten in der Eisenindustrie ihren Abschluß zu finden. Am Rennsteig oben liegt das mit Neuhaus fast zusammenstoßende sperlingslose Dorf Igelshieb (800 Einw.), mit 838 m Meereshöhe das höchst gelegene Dorf Thüringens, auf waldumrahmter Hochfläche in lang gestreckter Häuserreihe. Die Häuser sind mit Schiefer oder wetterdunklen Brettern beschlagen, die Bewohner arbeiten in der Glasfabrikation. In der oberen Thalmulde liegt das meiningische Dorf Lauscha (4400 Einw.) mit durch eigentümliche Mundart, Tracht und Sitte charakterisierter Bevölkerung, die sich durch Fleiß und Erfindungsgabe ebenso auszeichnet wie durch Lebensfreudigkeit und Spottlustigkeit. Hier »in der Lausche« war der Ursprung der thüringischen Glasindustrie, hier gründeten 1595 Greiner aus Schwaben und Müller aus Böhmen (deren Namen noch heute zahlreiche Familien tragen), die erste Glashütte, die zum Vorbilde für alle anderen derartigen Anstalten wurde. In den in Lauscha bestehenden drei Glashütten werden die verschiedenartigsten Gegenstände gefertigt: künstliche Menschenaugen, Glasaugen für ausgestopfte Tiere und Puppen, Glasblumen und -früchte, Perlen, Spielwaren. Auch werden Glasspinnerei und Porzellanmalerei getrieben. Schon 1867 wurde hier eine Gasfabrik errichtet zur Speisung der Lampengebläse für die Glasbläser in Lauscha sowie der höher gelegenen Dörfer Ernstthal, Igelshieb und Neuhaus. Weiter abwärts im engen Thal liegt der meiningische Markt Steinach (5300 Einw.) mit Schiefer- und Griffelbrüchen, sowie einer Glashütte. Auf der Höhe zwischen dem Steinacher Hüttengrund und dem Tettauthal bauen sich in langer Reihe die Häuser des Fleckens Judenbach (2000 Einw.) auf, dessen Bewohner Spielwaren herstellen oder in den Porzellanfabriken Hütten-Steinach (960 Einw.) arbeiten. Judenbach war früher eine wichtige Haltestelle an der großen Handelsstraße von Nürnberg nach dem Norden, und es gediehen hier Fuhrbetrieb und Geleitswesen.

Abb. 42. Ilmenau.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Sonneberg. Sonneberger Spielwarenindustrie.

Von Judenbach aus führt die Straße nach dem ärmlichen am Kamm liegenden Griffelbrecherdorfe Spechtsbrunn fast immer in gleicher Höhe von 700 m fort. Die Gipfel erheben sich hier nicht bedeutend aus ihrer Umgebung heraus, der höchste bis 868 m Höhe ist das Kieferle bei Steinheid, der aber keinen umfassenden Rundblick bietet. Von seinen Flanken rauscht der Effelder Bach zu Thale, an dem Mengersgereuth und Effelder (930 Einw.) liegen, beide mit zahlreichen Mahl- und Märbelmühlen (Märbeln = Murmeln, die kleinen für Kinderspiele hergestellten Kugeln). Am Austritt des Rödenbaches aus dem Schiefergebirge, an der Grenze zwischen Kulmformation, Buntsandstein und des Oberlindischen Diluvialbeckens erhebt sich die 1317 zuerst urkundlich genannte meiningische Stadt Sonneberg (12200 Einw.), der Mittelpunkt der thüringischen Spielwarenindustrie, deren Erzeugnisse sich in allen Weltteilen Absatzgebiete erobert haben ([Abb. 38]). Hier ist das Wunderland für die Freuden der Kinderwelt, denn hier wird das herrliche Spielzeug geschaffen, das Tausende von Händen aus Holz und Papier, Glas oder Porzellan, aus Marmor oder Steinen hervorbringen. Diese Industrie gelangte von Nürnberg her auf der alten über Sonneberg führenden Handelsstraße ins meiningische Oberland, ist in ihren Anfängen bis ins XIV. Jahrhundert zurückzuverfolgen, aber erst seit dem XVIII. Jahrhundert konnte sich ein Aufschwung vorbereiten. Für die mannigfaltigsten Unternehmungen war schon von der Natur ein günstiger Boden gegeben, der Holz, Kohle, Schiefer, Marmor, Sandstein, Thon u. a. spendete, deren Verarbeitung wiederum durch Wasserkräfte erleichtert wurde. Schon immer trieben die Waldbewohner im Gebirge allerlei Hausgewerbe, besonders Herstellung hölzerner Gebrauchsgegenstände. Zu den gewöhnlichen Holzwaren kamen dann allerlei Spielwaren, seitdem sich Sonneberg vom Nürnberger Handel unabhängig gemacht hatte, und diese Waren gingen schon damals nach England und Amerika. Den Spielwaren gesellte sich die Porzellanherstellung und Porzellanmalerei, ferner die durch eingewanderte Salzburger bekannt gewordene Fabrikation von Märbeln. Seit 1820 begann die Fertigung von Papiermasse und daraus bestehender Waren. Hierdurch wurde es erst möglich, Massenartikel zu billigem Preise herzustellen, und es trat seit dieser Zeit in den Gewerbsverhältnissen eine völlige Umwälzung ein. Die Thätigkeit drängt sich für die Weihnachtsproduktion auf wenige Monate zusammen, wo es dann Tag und Nacht gilt, beim Kneten und Formen, Hämmern und Raspeln, Malen, Nähen und Puppenbekleiden rastlos fleißig zu sein. Nach Weihnachten herrscht dann im ganzen Meiningischen Oberlande Arbeitsstille.

Abb. 43. Ilmenau, neuer Teil.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)