Abb. 2. Arnstadt um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).

Thüringen.

I.

Wie heller Glockenton am stillen Sonntagsmorgen klingt es über die duftigen Gefilde. Goldener Sonnenschein lacht vom blauen Himmel, und aus den Höhen tönt jubelnder Lerchengesang herab. Da weitet sich das Herz, und Lust und Licht und Duft locken hinaus zur Wanderung durchs thüringische Land! Die leicht eingesenkten Mulden, in deren Grunde die klaren Bäche murmeln, sind von frischen Wiesen bedeckt, aus deren Grün die blaßroten Blüten des Schaumkrauts und das bescheidene Vergißmeinnicht, die gelben Dotterblumen, Hahnenfuß und der zart gefiederte Löwenzahn leuchten. Die lilafarbenen Blüten des Salbei, die blauen des Kreuzblümchens und des Ehrenpreis sind mit dem dreifarbigen wilden Stiefmütterchen vereint zum Schmucke des Frühlings. In den lichtblätterigen Hainen prangen heller Weißdorn, die bescheidene Blüte der Erdbeere und Brombeere, das blau schimmernde Sinngrün, und wie helle Teppiche weithin ausgebreitet auf dem dunklen Waldboden die weißrötlichen Sterne des Windröschens. Die Waldränder sind geschmückt mit den verrankten Hecken der wilden Rose, von deren dunkelgrünen Blättern sich hell die zierlichen Blüten abheben.

In üppigem Grün stehen die Felder, die sorgsam abgegrenzt von der Menschen Fleiß Zeugnis geben, in langen Streifen sich hinziehend, selten von Hecken, Buschwerk oder Baumgruppen unterbrochen, als ob die Wärme des Himmelslichts mit ganzer Fülle hereinströmen möge zur Förderung des Wachstums und des Blühens. In sanften Wellen wölbt sich die Landschaft; hier sind die Fluren eingeschlossen von rundlichen Hügeln oder lang gestreckten niedrigen Bodenkämmen, dort weitet sich der Raum, und das Auge schweift in unübersehbare Fernen. Wo der Boden seine größte Fruchtbarkeit zeigt, drängen sich die menschlichen Wohnstätten enger zusammen. Die Erde vermag hier viele ihrer Kinder zu ernähren. Aus dem hellen Grün der Obstbäume, im Mai fast verdeckt vom weißen Blütenschnee, schimmern die roten Ziegeldächer der Dorfhäuser, die sich gesellig um die turmgekrönte Kirche schmiegen. Da und dort grüßt ein stilles träumendes Landstädtchen, das wie vergessen von der lärmenden Straße des Weltverkehrs fern abliegt, deshalb vielleicht um so trauter und getreu die Gewohnheiten und Überlieferungen einer längst entschwundenen Vergangenheit pflegend. Aber in der Nähe des eisernen Schienenweges, vielleicht in der Richtung eines alten Handelszuges oder einer Thalsenke, welche durch ihre Form die Verkehrsrichtung vorschrieb, häufen sich die Häusermassen immer mehr zusammen, und hoch ragende Schornsteine deuten auf die geräuschvollen Arbeitsstätten der Industrie. Weichen die Getreidefelder zurück vor Gemüsepflanzungen und weiten Blumengärten, die in gewaltigem Kreise die werdende Großstadt umgeben, so gelangen wir in den Mittelpunkt der großen Landschaft, wo die Bevölkerung sich in größerer Zahl verdichtet und wo ein reges Leben flutet. Hier erheben sich die mächtigen Steinbogen und Mauern eines Domes, Zeugen der mittelalterlichen Baukunst, mit zahlreichen Türmen zur Höhe weisend und weit hinausgrüßend in die Lande.

Abb. 3. Thüringen nach Mercators Darstellung vom Jahre 1628.

Städte.