Auf der Wasserscheide des Gebirgs läuft der Rennsteig von Blankenstein, an der Mündung der Selbitz in die Saale, bis Hörschel, an der Mündung der Hörsel in die Werra in einer Gesamtlänge von 168 km.
An vielen Stellen ziehen sich aus den Mulden schmale Moorbänder bis zum Rennsteig empor, vielfach die Quellen der Gewässer bildend. Von Blankenstein aus gewinnt der Rennsteig die Höhe bei Rodacherbrunn (Rodach von Roda = Waldrodung, und Ache = Wasser), einer Häusergruppe, deren Lage im siebenjährigen Kriege und im Jahre 1806, als Napoleon den Frankenwald überschritt, militärische Bedeutung hatte. Die Fortsetzung des Rennsteigs wird bezeichnet durch die Punkte Grumbach, Brennersgrün, Spechtsbrunn, Neuhaus, Neustadt, Schmücke, Inselsberg und Hohe Sonne. Oft verherrlicht und besungen, ist er am treffendsten geschildert von Scheffel:
Ein deutscher Bergpfad ist's! Die Städte flieht er
Und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf,
Durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er
Und birgt im Dickicht seinen scheuen Lauf ...
Der Rennstieg ist's: die alte Landesscheide,
Die von der Werra bis zur Saale rennt
Und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide
Der Thüringer von dem der Franken trennt.
Du sprichst mit Fug, steigst du auf jenem Raine:
Hier rechts, hie links! hie Deutschlands Süd, dort Nord.
Wenn hier der Schnee schmilzt, strömt sein Guß zum Maine,
Was dort zu Thal träuft, rinnt zur Elbe fort ...
Abb. 73. Oberhof am 16. Februar 1895.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Nächst der Hauptlinie des Rennsteigs sind noch zwei Zweiglinien vorhanden, die eine vom Großen Weißenberg bis Herrenbreitungen, 13½ km lang; die andere vom Ruhlaer Häuschen nach Sallmannshausen, 28 km lang. Der Liebensteiner Rennweg (vgl. oben [S. 86]) und der Rennsteig vom Großen Weißenberg nach Osten scheidet noch heute thüringische und fränkische Mundart, doch nur bis in die Gegend von Limbach, wo die Wasserscheide zwischen Schwarza und Loquitz die Grenze der beiden Mundarten bildet. Hier sind etwa seit dem VII. Jahrhundert die Franken allmählich vorgedrungen in die von Sorben besetzten Gegenden und kultivierten den ganzen Orlagau. Aber auch die Hauptlinie des Rennsteigs ist keine ununterbrochene Sprachscheide. Südlich davon setzten sich in Brotterode Thüringer fest, nördlich kamen die Franken bis zur Ilmenauer Gegend und ließen sich in Altenfeld, Stützerbach und Gehlberg nieder, ebenso drangen sie von Limbach aus in den Schwarzagruud bei Scheibe. Die unmittelbar am Rennsteig liegenden Orte tragen meist fränkischen Charakter, so Oberhof, Neustadt und Limbach, während Masserberg von Thüringern gegründet wurde. Über den heutigen Verlauf der Staatengrenzen am Rennsteig unterrichtet am schnellsten ein Blick auf die Karte (siehe Andrees Handatlas, Karte der Thüringischen Staaten).
Über die Bedeutung des Namens Rennsteig und über den Zweck des Weges sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Früher galt er schlechtweg als Grenzweg, als Wald- und Jagdgrenze für die Holzgerechtigkeiten und Wildbahnen der angrenzenden Gemeinden und Herrschaften. Wahrscheinlicher ist die Beziehung des Namens Rennsteig oder Rennweg zu »rennen«, auf dem Roß dahinsprengen, so daß er also als Reitweg aufzufassen ist. Es würde sich dabei aber nicht um eine militärische Bedeutung handeln, weder um verdeckte Truppenverschiebung, noch um das Rennen der Reiterboten oder Grenzwächter auf dem Gebirgskamme. Näher kommt die Auffassung des Rennsteigs als Reitweg für den Grenzumritt, gleichgültig, ob es sich um Wildbahngrenzen, Forstgrenzen oder Landesgrenzen handelte. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Beziehung des Rennsteigs zur urkundlich nachgewiesenen vom XV. bis ins XIX. Jahrhundert bestehenden Rossezucht auf den Höhen des Thüringerwalds. Die altnomadische Zuchtweise, die Rosse in großen Herden fern von menschlichen Wohnungen im Freien weiden zu lassen, war mindestens zu Ausgang des Mittelalters auf der Kammhöhe Brauch, wo zahlreiche Waldwiesen und Waldblößen (oft mit der Namensendung rod) bestanden. Es mußten dann alte Weideplätze und Wege benutzt werden, auf denen der berittene Roßhirt dahinrannte (sprengte) und auch seine Rosse zu den Weideplätzen rannten. Wo keine Hochweiden vorhanden waren, mußte man sich mit den Weiden in den Niederungen begnügen, wodurch vielleicht hier und da das Vorkommen des Namens Rennweg in der Niederung zusammenhängt. Die Besiedelung der Höhen geschah zunächst an den Pässen, wo die Straßen das Gebirge überschritten und wo Wallfahrtsorte, Wirts- und Geleitshäuser und Schmieden entstanden.
Abb. 74. Wald bei Oberhof (Februar 1895).
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)