Unter den der Fürsorge der akademischen Behörden unterstellten Sammlungen, deren Entstehung noch in die Zeit vor dem Jubiläum des Jahres 1860 zurückreicht, ist in der zeitlichen Folge die letzte die Mittelalterliche Sammlung. Der thatkräftige Geist, welcher die Decennien nach der Reorganisation der Universität erfüllte, das in jenen Jahren neu hervortretende und in der Restauration des Münsterinnern sich bethätigende Verständniss für bildende Kunst, das wachsende Bewusstsein von Wesen und Werth auch des rein archäologischen Studiums verlangten und ermöglichten das Zustandekommen der Sammlung. Für diesen Zweck alle jene treibenden lebensvollen Kräfte fruchtbar gemacht zu haben, ist das Verdienst Wilhelm Wackernagels, der mit festem Willen, mit warmer Begeisterung und wahrer Sachkenntniss den Plan entwarf und die Gründung vollzog.

Im Jahre 1856/57 geschah dies, aber es dauerte noch mehrere Jahre, bis die jüngste der akademischen Sammlungen als eine den andern ebenbürtige in der Organisation berücksichtigt wurde. Sie unterstand zunächst der antiquarischen Kommission. Erst 1861 wurde von der Regenz eine besondere Kommission bestellt. Sie bestand unter dem Vorsitz des Stifters aus den Herren Architekt Riggenbach († 1863), Dr. Remigius Meyer (bis 1877), Dr. Carl Burckhardt-Burckhardt (bis 1870) und Samuel Merian-Bischoff; ihre constituierende Sitzung fand am 18. Januar 1862 statt.

Ein schwerer Schlag traf die Sammlung am 21. December 1869 mit dem Hinschied Wilhelm Wackernagels. Jedoch war es ein Glück zu nennen, dass sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl auch hier seine Stelle einnehmen konnte. Moritz Heyne entfaltete als solcher eine ausserordentliche Energie zur Hebung und Mehrung der Sammlung und verstand es, das Interesse weiterer Kreise für dieselbe zu wecken. Das glänzende Ergebniss dieser Thätigkeit zeigte sich besonders deutlich bei dem am 16. Mai 1882 gefeierten fünfundzwanzigjährigen Jubiläum. Im Herbst 1883 wurde an die durch Heyne's Abgang nach Göttingen erledigte Vorsteherschaft das älteste Mitglied, Herr Samuel Merian-Bischoff, gewählt, und bei diesem Anlass das Amt eines Konservators geschaffen.

Im Lauf der Jahre traten folgende Mitglieder in die Kommission ein: Stadtrath Amadeus Merian (1863-1879), Dr.G. Wackernagel (seit 1870), Dr.L. Sieber (1872-1882), Hans Labhardt (1877-1884), Dr. Albert Burckhardt-Finsler (seit 1879; seit 1883 Konservator), J.G. Mende (seit 1879), Direktor W. Bubeck (seit 1882), Prof. O. Behaghel (seit 1884), Prof. Jacob Burckhardt (seit 1884), Dr. Rudolf Wackernagel (1884-1885), Hans Burckhardt-Burckhardt (seit 1885).

Die bei Anlegung der Sammlung leitende Ansicht ihres Urhebers war gewesen: »Es soll diese Sammlung das Leben des Mittelalters in Werken der kunstbeflissenen gewerbthätigen Menschenhand, in Originalwerken selbst oder in getreuen Nachbildungen, zur Anschauung bringen; schicklicher Weise wird dabei rückwärts in die altchristlichen Zeiten und vorwärts über die Grenzen des Mittelalters hinaus bis in die Zeit der sogen. Renaissance gegriffen. Ohne solch eine Ausdehnung würde dem Bilde der Rahmen und der Reihenfolge ihr Anfang und ihr Ende fehlen.« Also eine Sammlung von allgemeiner Tendenz. — Es ist bekannt, wie der Gang der Entwicklung dieses erste Programm verschoben hat, wie von Jahr zu Jahr in steigendem Maasse die Sammlung den Charakter eines baslerischen kulturhistorischen Museums annahm, und hiemit ihr Schwergewicht aus dem Mittelalter in die neuere Zeit verlegt wurde. Wenn der Stifter anfangs nur für erlaubt hielt, bis in die Zeit der Renaissance zu greifen, so ist seitdem und schon zu seiner Zeit das Sammeln bis an die Schwelle des XIX. Jahrhunderts ausgedehnt worden. Dieser Gang der Entwicklung war durch die Verhältnisse gegeben; die Kleinheit der finanziellen Geldmittel, die Unermüdlichkeit der Behörden und Bürger Basels in Zuwendung von Alterthümern wirkten von selbst auf eine lokale Einschränkung hin.

Der erste Grundstock der Sammlung war durch Abgüsse von Skulpturen des hiesigen Münsters gebildet worden; es wurde sofort für nöthig gehalten, diese Serie durch Nachbildungen auswärtiger Bildnerei zu ergänzen. In gleicher Weise wurden Gipsabgüsse auswärtiger Alterthümer auch aus den Gebieten der Kleinkunst beschafft, um dem Beschauer die Entwicklung eines und desselben Gegenstandes in verschiedenen Zeiten und Orten vorführen zu können. Dieselbe allgemeine Tendenz tritt in der mit besonderer Vorliebe gepflegten Sammlung alter Schriftfragmente, in der Anlegung einer Urkundensammlung, eines reichen Apparates von Abbildungen und Nachschlagewerken zu Tage. Bald aber wich diese Thätigkeit zurück vor der immer mächtiger zudrängenden Menge der Erzeugnisse alter heimischer Kunstübung. Es kann hier nicht versucht werden, das Hauptsächliche aus den reichen Erwerbungen namhaft zu machen. Es wird genügen, auf einiges besonders Hervorragendes hinzuweisen. 1857: die Votivtafel der Isabella von Burgund, die Truhe aus der Domprobstei und die des Erasmus. 1859: Bruchstücke des Todtentanzes. 1863: Elfenbeinlöffel aus der Lassbergischen Sammlung; Holzschnitzerei aus Meggen. 1869: Truhe aus Schloss Greifensee. 1874: Tscheckenpürlinbett. 1871: Bretspielstein aus dem XII. Jahrhundert; Waffensammlung. 1872: Schnitzereien aus der Spinnwetternzunft; Schreibtisch aus dem Augustinerkloster. 1870: Kanonenrohre aus dem Zeughaus. 1878: Sammlung musikalischer Instrumente. 1879: Iselinzimmer aus dem Bärenfelser Hof. 1880: Sammlung Quiquerez. 1881: Glasgemälde aus der Sammlung Bürki. 1882: Kirchenschatz, Zunftkleinodien, Goldschmiedmodelle. 1883: Winterthurer Ofen; Teppich aus dem Kloster Feldbach. — Manche der hier genannten und auch viele andere Stücke sind von deren Inhabern unter Eigenthumsvorbehalt überlassen worden, ein Verfahren, welches in neuerer Zeit besonders von Seiten der Zünfte, gleich zu Anfang aber für die reichen Sammlungen der antiquarischen Gesellschaft geübt wurde; auf den Namen der letztern wurden früher auch die meisten Geschenke eingetragen.

Es ist begreiflich, dass der wachsende Inhalt der Sammlung immer mehr Räume in Anspruch nahm. Zu dem für die ersten Stücke angewiesenen Conciliumssaal kamen 1859 die unterhalb desselben befindliche Nikolauskapelle, durch die es erst möglich wurde, die Sammlung allsonntäglich dem Publikum zu öffnen, 1868 die Säle des Münsterarchivs, 1874 einige Estrichräumlichkeiten, deren Herrichtung ziemlich viele Bauten nöthig machte, aber zum ersten Mal eine durchgeführte sachliche Anordnung ermöglichte. Das letzte ist die 1879 erfolgte Zuweisung des Betsaals, des grösten Raums der Sammlung und des einzigen, in dem solche Schätze wie das Iselinzimmer würdig untergebracht werden konnten. Seitdem ist freilich neue Raumnoth eingetreten. Alle Erweiterungen brachten indess keine eigentliche Aenderung des Lokals; die Sammlung bildet nach wie vor einen Anhang des Münsters.

Ihre Mittel verdankt sie gröstentheils der Freigebigkeit ihrer Gönner; zu erwähnen sind die Jahresbeiträge der Regierung (seit 1857 Fr. 300), der Gemeinnützigen Gesellschaft (seit 1858 Fr. 500), des Museumsvereins (seit 1863 Fr. 200), und der Akademischen Gesellschaft, die der letztern von wechselndem Betrag und zum Theil der 1870 gegründeten Wackernagelstiftung entnommen, von der ein bestimmter Theil von vornherein für die Sammlung vorbehalten wurde. Seit 1872 besteht der von Herrn Hans Labhardt gegründete »Verein für die Mittelalterliche Sammlung«, der z.B. 1884 Fr. 619 beisteuerte. Dazu viele einzelne Geldbeiträge von Freunden, meist für bestimmte Erwerbungen gewährt (z.B. 1879 Fr. 4580 an das Iselin'sche Zimmer) und seit dem Jahre 1881 ein Antheil an den Eintrittsgeldern (1884 Fr. 838.90). Doch hielt sich das Budget lange in sehr bescheidenen Ziffern. In den ersten zehn Jahren erreichte es zweimal nicht die Höhe von Fr. 1000, und betrug durchschnittlich Fr. 15-1600, bewegte sich dann in den siebziger Jahren um Fr. 2000 herum. Seit 1880 hat es die 4000 überschritten. Ausserordentliche Belastung brachte der Umbau der Estrichräume, dessen Kosten im Betrag von rund Fr. 20,000 durch Beiträge des Staats (Fr. 5000), der Akademischen Gesellschaft (Fr. 2000), der Gemeinnützigen Gesellschaft (Fr. 3000), des Museumsvereins und einzelner Freunde gedeckt wurden.

Für Bekanntmachung der Schätze der Sammlung dienten theils die Vorlesungen, welche seit 1877 von dem frühern Vorsteher und später von dem Konservator in den Räumen der Sammlung abgehalten wurden, theils verschiedene Druckschriften. Wir nennen ausser den Katalogen die zusammenhängenden Darstellungen von Wilhelm Wackernagel im Universitätsprogramm von 1857 und von Moritz Heyne im Neujahrsblatt von 1874, sowie den von letzterm herausgegebenen Führer (Basel, bei Felix Schneider 1880). Ueber die Glasgemälde gibt das von Dr. Albert Burckhardt-Finsler verfasste Programm des Gymnasiums (Basel 1885) Auskunft. Der 1864 erfolgten Widergabe einer Anzahl Gegenstände durch Photograph Höflinger folgte »die Kunst im Hause. Abbildungen von Gegenständen aus der Mittelalterlichen Sammlung«, mit Zeichnungen von W. Bubeck und Text von M. Heyne (Basel, bei Detloff I. 1880, II. Reihe 1882), ein Werk geeignet zu zeigen, welchen Gewinn das heimische Kunsthandwerk aus den hier vorhandenen Schätzen zu ziehen vermöchte.

Nach Mittheilungen
des Konservators der Sammlung.