Dieses Ambulatorium wurde unter der Aufsicht und Direktion der Oberärzte des Spitals durch einen ad hoc ernannten Assistenzarzt geleitet und dazu am 22. Oktober 1875 erwählt der Privatdocent für Pharmakologie Dr. Rudolf Massini; derselbe wurde in der Folge im Jahre 1877 zum ausserordentlichen Professor und 1882 zum Direktor der Poliklinik ernannt.
Als Lokal wurden vom Pflegamte des Bürgerspitals zwei Parterrelokalitäten des Markgräfischen Hofes zur Verfügung gestellt, welche einestheils mit der Strasse, anderntheils mit dem Spital in direkter Verbindung stehen und von denen das eine als Wartezimmer, das andere als Untersuchungssaal und Auditorium dienen; dieselben wurden zu diesen Zwecken baulich entsprechend eingerichtet; bei der Ausdehnung des Institutes wurden auch die wünschenswerthen Verbesserungen und Einrichtungen von dem Bürgerspitale stets in zuvorkommender Weise ausgeführt. Am 30. November 1874 konnte die Anstalt für Publikum und Studierende eröffnet werden.
Ueber die Frequenz giebt folgende Tabelle Aufschluss:
| Winter-Sem. | Studierende. | Sommer-Sem. | Studierende. | Frequenz. | Personen. | Konsultationen. |
| 1874/75 | 5 | 1875 | 6 | 1874 | 111 | 176 |
| 1875/76 | 8 | 1876 | 8 | 1875 | 1258 | 3644 |
| 1876/77 | 7 | 1877 | 5 | 1876 | 2277 | 5555 |
| 1877/78 | 3 | 1878 | 3 | 1877 | 3475 | 8469 |
| 1878/79 | 8 | 1879 | 6 | 1878 | 4375 | 10538 |
| 1879/80 | 3 | 1880 | 6 | 1879 | 4464 | 9613 |
| 1880/81 | 4 | 1881 | 11 | 1880 | 4972 | 10903 |
| 1881/82 | 2 | 1882 | 5 | 1881 | 5630 | 11689 |
| 1882/83 | 5 | 1883 | 8 | 1882 | 5692 | 12040 |
| 1883/84 | 13 | 1884 | 18 | 1883 | 6641 | 13050 |
| 1884/85 | 14 | 1885 | 15 | 1884 | 7291 | 14985 |
Von grossem Einfluss auf den Besuch der Studierenden war die Zeit der Abhaltung der Poliklinik; dieselbe war in den Jahren 1874-77 auf die Nachmittagsstunde verlegt worden, als die Freistunde der arbeitenden Klassen; für die Hörer aber, welche den ganzen Vormittag die Kliniken besuchen, eine unbequeme Zeit; auch die Verlegung auf Vormittags 8-9 Uhr, welche Zeit theils mit der geburtshilflichen, theils mit der ophthalmologischen Klinik kollidierte, war ohne Erfolg, und erst die seit 1881 eingeführte Morgenstunde 7-8 Uhr brachte eine erfreulichere Frequenz.
Neben dem Ambulatorium wurden stets auch Besuche in der Stadt gemacht und einzelne Patienten vorgerückteren Schülern zur Besorgung überwiesen. Doch war es aus Mangel an Assistenz nicht möglich, ein eigentliches Poliklinikum fest zu organisieren. Vom Jahre 1874 bis 1877 wurde die Poliklinik vom Assistenzarzt allein besorgt; die steigende Frequenz führte im Sommer 1877 zur Anstellung eines Unterassistenten, der namentlich das Protokoll zu führen hatte; doch genügte bald auch diese Aushilfe nicht mehr. Nachdem in den Jahren 1881-1883 die Aerzte a Wengen und Dr. Fiechter in höchst willkommener Weise ihre vorzüglichen Dienste der Poliklinik zur Verfügung gestellt hatten, wurde im September 1883 die Anstellung eines ständigen Hilfsarztes durch den Regierungsrath beschlossen und als solcher Herr Dr. Hoffmann-Paravicini erwählt.
Bei der Gründung der Poliklinik wurde das Honorar des Assistenzarztes auf 2000 Fr. festgestellt, wovon 1500 Fr. der Spital, 500 Fr. die Regierung trug; ausserdem wurde ein Jahreskredit von 700 Fr. für Instrumente, Verbandstoffe u.s.w. eröffnet, wovon 200 Fr. auf den Spital, 500 Fr. auf den Staat fielen. Vom Jahre 1877 an übernahm der Spital die Lieferung von Verbandstoffen und Bureaumaterial, und es wurden nunmehr 300 Fr. von dem Kredit von 700 Fr. für Honorierung eines Hilfsassistenten bestimmt. Vom Jahre 1883 an wurde ausserdem ein Kredit von 1200 Fr. für den Hilfsarzt durch die Regierung zur Verfügung gestellt.
Durch das kräftige und wohlwollende Zusammenwirken der Behörden des Staates und des Bürgerspitals wurde auf diese Weise ein lebenskräftiges und blühendes Institut geschaffen, das sowohl für die öffentliche Krankenpflege, als für den Unterricht eine fühlbare Lücke ausgefüllt hat und von dem wir hoffen dürfen, dass es bald durch weiteren Ausbau zu einer noch reicheren Entwicklung werde geführt werden.
Rudolf Massini.