18. Ophthalmologische Klinik und Poliklinik.

I. Ophthalmologische Klinik wurde zum ersten Male 1867 im Sommersemester von dem damaligen ausserordentlichen Professor Heinrich Schiess in der Augenheilanstalt, Allschwylerstrasse Nr. 9, vor sechs Zuhörern gehalten. Dieselbe wurde Anfangs mit Unterbrechungen, später ganz regelmässig in zwei, später in drei Stunden wöchentlich abgehalten. Von Seite der Akademischen Gesellschaft erhielt die Augenheilanstalt von 1869 an einen regelmässigen Beitrag von 1000 Fr., und damit war eine nähere Verbindung zwischen der Universität und der genannten Anstalt angebahnt. Da die Lokalitäten der Anstalt durchaus unzweckmässig und ungenügend waren, schritt man im Jahre 1875 zu einem Neubau an der Mittleren Strasse. Die Kosten desselben samt Land und Mobiliar beliefen sich auf circa 250,000 Fr. Die hohen Behörden leisteten hiezu einen Betrag von 15,000 Fr., das löbl. Pflegamt des Spitals einen von 20,000 Fr., das Uebrige wurde zum grösten Theil durch freiwillige Beiträge der hiesigen Bürger und Einwohner zusammengebracht. Die neue Anstalt ist daher ein beredtes Zeugniss für Basels werkthätige Nächstenliebe und für das einträchtige Zusammengehen von Behörden und Privaten für humane Zwecke.

Bei dieser Gelegenheit wurde das Verhältniss zwischen Universität und Augenheilanstalt durch einen Vertrag in der Weise geregelt, dass einerseits Regierung, Akademische Gesellschaft und Löbl. Pflegamt zusammen jährlich 6000 Fr. an die Betriebskosten beitragen, wogegen der Oberarzt der Anstalt, der zugleich Direktor der ophthalmologischen Klinik ist, verpflichtet ist, regelmässigen Unterricht in der Ophthalmologie zu ertheilen und eine Poliklinik abzuhalten. Ein im Hause wohnender Assistenzarzt hat ebenfalls beim betreffenden Unterricht behilflich zu sein. Das aus acht Mitgliedern bestehende Anstaltscomité hat einen Delegierten des Löbl. Pflegamts in seiner Mitte.

Die Räumlichkeiten der Anstalt bieten Platz für 48 Kranke; es besteht eine besondere Kinderabtheilung im Erdgeschoss. Für den klinischen und theoretischen Unterricht findet sich ein grosses Zimmer mit Seitenlicht vor, ausserdem ein Spiegelzimmer und Untersuchungszimmer für die poliklinischen Kranken; ein Arbeitszimmer für Studierende ist leider nicht vorhanden. Die Anzahl der jährlich verpflegten klinischen Kranken hat in den letzten Jahren circa 440 betragen; die tägliche Durchschnittszahl 31-33 Kranke. Diese Anzahl erlaubte, nicht nur den Studierenden die gewöhnlichen Augenkrankheiten vorzuführen, sondern sie auch mit den seltenen, pathologischen Formen bekannt zu machen; von dem Assistenzarzte wurden zuweilen ophthalmoskopische Kurse abgehalten, um die Studierenden mit dieser auch für das allgemeine medicinische Studium wichtigen Untersuchungsmethode bekannt zu machen. Es wurden im Sommersemester in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 80.2, im Wintersemester 115.4 Kranke den Studierenden vorgestellt.

Die Sammlung pathologischer Augen, die bereits eine sehr ansehnliche geworden, und diejenige der mikroskopischen Präparate sind ebenfalls für den klinischen Unterricht herangezogen. Die Frequenz der Klinik, die vor dem Bezug der neuen Anstalt schon wegen Raummangels eine beschränktere gewesen, hat sich seither wesentlich gehoben und betrug in den letzten fünf Jahren im Sommersemester 15, im Wintersemester 19,4 Studierende.

II. Die ophthalmologische Poliklinik, welche überhaupt die erste Poliklinik war, die in Basel existierte, wurde im Jahre 1865 am ersten Mai eröffnet, und hatte im ersten Jahre eine Frequenz von 262 Kranken. Die Anzahl der Patienten nahm beständig zu und hat sich auch die Befürchtung, dass bei der grossen Entfernung der neuen Anstalt die Frequenz zurückgehen werde, als unrichtig erwiesen. Auch jetzt noch ist die Frequenzziffer im Ansteigen begriffen, wie folgende Zahlen beweisen mögen:

Anzahl der Kranken.Jahr.
13401880
15871881
15811882
16211883
17791884.

Die Kranken erhalten Gratiskonsultation, keine Medikamente und keine Brillen. Bei der steigenden Frequenz, wobei eine genaue Untersuchung und richtige Protokollführung immer schwieriger wurde, wurde im Jahre 1884 von dem Anstaltscomité ein poliklinischer Assistent angestellt, der das Protokoll zu führen hat und auch bei den Untersuchungen thätig ist. Auf diese Art wird zuweilen einem älteren Medicin-Studierenden, der diese Stelle bekleidet, Gelegenheit geboten, sich etwas mehr, als dies gewöhnlich geschieht, mit dem Fache vertraut zu machen. Die Poliklinik wird übrigens sowohl während des Semesters als auch in den Ferien von ältern Medicin-Studierenden frequentiert.

Heinrich Schiess.