Nach diesem Gespräche ging der Hodscha ins Haus und seine Frau ging zur Hochzeit.
Nun hatte sich just an diesem Tage ein Zigeunertrupp vor der Stadt gelagert, und die Frauen hatten sich in den Straßen zerstreut und sahen rechts und links, ob es etwas zu stehlen gebe. Von ungefähr trat eine in das Haus des Hodschas; dort herrschte völliges Schweigen. Im Harem angelangt, sah sie den Hodscha, der durchaus stumm blieb. Augenblicklich machte sie sich daran, das Haus zu durchstöbern, las alles zusammen, was sie fand, und steckte es in ihren Sack; den Hodscha hatte sie leicht anschauen: er verharrte in seinem Schweigen. Ohne weitere Bedenken nahm sie ihm die Mütze und den Turban vom Kopfe, und er verlor darüber kein Wort; »wenn ich spreche,« sagte er sich, »muß ich das Kalb tränken.« So schenkte er denn dem Treiben der Zigeunerin nicht die geringste Aufmerksamkeit; sie benutzte das und machte sich davon.
Inzwischen wurde im Hause des jungen Paares das Mahl aufgetragen, und die Frau des Hodschas belud eine Schüssel mit Speisen, um sie dem Hodscha zu bringen. Als sie heimkam, sah sie, daß man das Haus so gründlich ausgeplündert hatte, daß nicht einmal der Turban oder die Mütze auf des Hodschas Kopf verblieben war. Da brach sie das Schweigen und sagte: »Hodscha, wohin sind denn alle unsere Sachen gekommen?«
»Du hast gesprochen,« schrie nun Nasreddin; »du mußt also heute unser Kalb tränken und füttern!«
238.
MAn erzählt, daß einmal in der Landschaft Diarbekr ein kleiner Kaufmann war, der sein Geschäft betrieb, indem er von Dorf zu Dorf wanderte. Eines Tages trug er eine Last Trauben. Die Nacht fiel ein, als er noch im Freien war, aber niemand wollte ihm Gastfreundschaft gewähren. Schließlich sah er eine Frau, die vom Flusse kam. Er näherte sich ihr, als sie eben in ihr Haus treten wollte, und sagte ihr, daß ihm, weil er Trauben trage, niemand habe ein Nachtlager geben wollen trotz der geheimen und entwickelten Vorteile, womit ihn die Natur ausgestattet habe. Die Frau unterließ es keineswegs, diese seine letzten Worte zum Gegenstande ihrer Überlegungen zu machen; unverzüglich trat sie ins Haus, ging zu ihrem Manne und sagte zu ihm: »Wie ich höre, ist gegenwärtig der Sohn meines Oheims im Dorfe; er ist, sagt man mir, ein herumziehender Händler. Warum hast du ihn nicht eingeladen?«
Der Mann antwortete: »Aber wieso hätte ich denn von seiner Ankunft erfahren sollen?«
Sie erwiderte: »Nicht einmal ein Hund wird sich getrauen, sich irgendwo einzufinden, wenn man ihn nicht gerufen hat.«
Nach diesem Gespräche ging der Gatte den Mann mit den Trauben suchen und lud ihn ein, zu ihm zu kommen. Die Frau beeilte sich mit dem Empfange und sagte zu ihm: »Willkommen, Vetter! Glück zur Ankunft!« und überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Und als es Nacht wurde, bereitete sie ihm ganz nahe dem Schlafzimmer auf einem Sofa ein Bett. Er legte sich nieder und die Eheleute taten desgleichen. Einen Augenblick später schlief der Gatte, der sehr müde war; alsbald erhob sich die Frau geräuschlos und ging zu dem Kaufmanne. Sie unterhielten sich wohl miteinander; aber die Frau fand seine Waffen doch nicht so besonders, wie er früher gesagt hatte. Und sie sagte zu ihm: »Freund, du hast mir deine Vorteile arg übertrieben; es ist nichts da, was etwas wert wäre.«
»Ach, Frau,« antwortete er, »ich habe mehr, als du siehst; aber ich war, es ist eine Zeit her, gezwungen, es zu verpfänden.«