329.

TAmerlan begann nun so viel Gefallen an Nasreddin zu finden, daß er ihn mit dem Versprechen, ihm nichts zu verweigern, ermutigte, zu verlangen, was er wolle. Nasreddin verlangte nichts weiter als den mäßigen Betrag von zehn Goldstücken, um davon ein Denkmal für die Nachwelt zu erbauen. Als ihm das Geld ausgezahlt worden war, errichtete er mitten auf freiem Felde ein großes Tor mit Schloß und Riegel. Darüber gabs denn ein allgemeines Staunen und man fragte ihn um den Grund; da antwortete er: »Die allerspäteste Zukunft wird die Erinnerung an diese Tür ebenso getreu bewahren wie die an die Siege Tamerlans; während aber die Welt bei diesem Denkmal, das die Streiche Nasreddins ins Gedächtnis zurückruft, lachen wird, wird das Andenken der Taten Tamerlans Tränen hervorrufen von einem Ende der Erde zum andern.«

330.

BAjazet war einmal gegen seine vornehmsten Offiziere sehr aufgebracht und hatte schon den Rat versammelt, der ihnen das Urteil sprechen sollte; da nun die Herren vom Rate in ihrem Schrecken und ihrer Bestürzung nicht wußten, wie sie den Unglücklichen das Leben retten könnten, bot sich ihnen Nasreddin an, um ihnen zu helfen. Und er sagte zu Bajazet: »Sultan, laß die Leute nur henken; sie sind alle Verräter.« Bajazet war damit einverstanden und Nasreddin fuhr fort: »Wozu sind sie uns auch nütze? wenn jetzt Timur mit seiner Armee kommt, so nimm du die Standarte und ich werde die Trommel schlagen; wir wollen ihm ein Treffen liefern, und wahrhaftig, wir zwei werden den Tataren genug zu schaffen machen.« Bajazet antwortete nichts; wenige Augenblicke darauf gewährte er aber den Schuldigen seine Gnade.

331.

NAsreddin hatte den Zorn Bajazets erregt und Bajazet befahl, ihn hinzurichten; er mußte auf einen sehr hohen Baum auf freiem Felde steigen, und den sollten die Soldaten umhauen, damit Bajazet sehe, was für Luftsprünge Nasreddin machen werde. Trotz dem inständigen Flehen Nasreddins getraute sich niemand, Bajazet für ihn um Gnade zu bitten, so daß er sich selber zu helfen versuchte; er ließ oben auf dem Baume die Hosen herunter und verunreinigte die Soldaten. Darüber mußte Bajazet herzlich lachen, und er erlaubte ihm, herabzusteigen.

4. Moderne Volkserzählungen aus Nasreddins Heimat

332.

EIne Frau kam einmal zum Hodscha, gab ihm einen Brief und bat ihn, ihn ihr vorzulesen. Nun konnte der Hodscha gar nicht lesen; da er sich aber schämte, dies einzugestehn, nahm er den Brief und las: »Hochwohlgeborener, ehrenwerter Herr« usw., wie ein Freund einem andern zu schreiben pflegt.

Die Frau sagte darauf, daß das kein Brief eines Bekannten, sondern der Steuerzettel ihres Hauses sei. Und der Hodscha antwortete: »Warum hast du mir das nicht früher gesagt? dann hätte ich ihn anders gelesen.«