Der Dummheitsschwank trägt aber schon, und sei er noch so primitiv, den Charakter einer bewußten Verarbeitung eines freilich noch nicht als solches erkannten Märchenmotivs an sich, das er uns oft, indem er die Kuriosität der kindlichen Vorstellung demonstrieren will, in einer reinern Form als das Märchen überliefert; er ist gewissermaßen schon, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Art literarisches Erzeugnis, und diese Eigenschaft muß ihn befähigen, auch dort, wo für seine Grundlage, nämlich das betreffende Märchenmotiv, als eine für die Ortsverhältnisse ungereimte Vorstellung eine Neuverbreitung oder als eine in grauer Vorzeit überholte Vorstellung eine Wiederverbreitung ausgeschlossen gewesen wäre, durch seinen absoluten Wert als Unterhaltungsstoff im weitesten Maße vorzudringen. Gar viele Märchenmotive, und gerade die ursprünglichsten, mögen erst durch den sie parodierenden Schwank auf fremden Boden verpflanzt oder auf dem eigenen zu neuem Leben erweckt worden sein.
Von den außerordentlich zahlreichen Dummheitsschwänken, die in der vorliegenden Sammlung — vorläufig sei nur von ihrem ersten Teile die Rede — an einen einzigen Namen geknüpft erscheinen, beruhen sehr viele auf so primitiven Vorstellungen, daß schon daraus erhellt, daß sie dem Manne, von dem sie erzählt werden, nur beigelegt worden sind. Wenn auch bei dem Mangel an alten Aufzeichnungen derartiger leichter und so lange mit Unrecht verachteter Geschichtchen viele Typen nicht sehr weit zurückverfolgt werden können, so müssen doch die obigen Erwägungen zu der Annahme eines ehrwürdigen Alters genügen, umsomehr als es klar ist, daß von dem Auftauchen eines Dummheitsschwankes bis zu seiner ersten Niederschrift eine geraume Zeit verflossen sein muß, in der er sich so wie das in ihm behandelte Märchenmotiv und oft mit diesem mündlich fortgepflanzt hat. Deswegen aber die Existenz des nunmehrigen Trägers dieser Überlieferungen zu leugnen, hätte wohl keine Berechtigung; es wird ja auch niemand einfallen zu behaupten, König Franz I. von Frankreich habe nie gelebt, weil von ihm eine Schnurre erzählt wird, die schon im Conde Lucanor steht.
Von dem Hodscha Nasreddin wird uns als von einem Zeitgenossen dreier wohlbekannter Fürsten gesprochen. Zuerst des Sultans Alaeddin III. (II.), des letzten Herrschers der Seldschukendynastie in Karamanien, der im Jahre 1392 Konia, das alte Iconium, und Akschehir, das alte Philomelion, an Bajazet I. verloren hat, dann eben dieses Osmanensultans und endlich des tatarischen Eroberers Timur, der am 20. Juli 1402 Bajazet in der Schlacht von Angora aufs Haupt geschlagen und gefangen genommen hat; dort, wo der betreffende Gewalthaber einfach Bei genannt wird, hat man die Wahl zwischen den drei genannten Fürsten und dem von Timur eingesetzten Bei von Karamanien, nämlich Mohammed, dem ältesten Sohne Alaeddins III., doch dürfte wohl meistens Timur gemeint sein, bei dem Nasreddin die Stelle eines lustigen Rates eingenommen haben soll. In dieselbe Verbindung wird Nasreddin allerdings auch mit Bajazet gebracht, einmal von dem Historiker De la Croix3 und dann noch von Karl Friedrich Flögel4; beide vermeiden es aber, ihre Quellen anzugeben. Von seinem Freundschaftsverhältnisse zu Timur berichtet hingegen schon Demetrius Cantimir oder Kantemyr, der 1723 verstorbene ehemalige Fürst der Moldau, das Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften5, und dieser schickt nicht nur seinen Erzählungen von Timur und Nasreddin die Bemerkung voraus, daß sich Timur nach den Historikern drei Tage lang bei Jenischehir aufgehalten habe, um den Erzählungen des türkischen Äsops zu lauschen, der ihm so lieb geworden sei, daß er ihm zuliebe auf die Plünderung dieser Stadt verzichtet habe, sondern sagt auch weiter, er entnehme die folgenden Schnurren einem türkischen Buche. Dem Alter, das dieses Buch gehabt haben muß, entspricht das von mehrern Manuskripten, die Decourdemanche für seine große Ausgabe von Nasreddins Schwänken6 benutzt hat, und deren eines schon um 1600 niedergeschrieben worden ist; daher müßte sich wohl die Annahme, daß Nasreddin eine mythische Person sei, auf andere Prämissen stützen als auf die Tatsache, daß mit seinem Namen uralte Schwankmotive verknüpft worden sind. Daran ändert es auch nichts, daß eine Sage wissen will, er habe schon zu der Zeit Harun al Raschids gelebt: Mohammed Nasreddin, der damals einer der weisesten Männer gewesen sei, habe sich mit seinen Lehren in einen Widerspruch zur Religion gesetzt und sei deshalb zum Tode verurteilt worden; um sein Leben zu retten, habe er sich wahnsinnig gestellt. Der ungarische Gelehrte Kúnos, der sie erzählt, hat sicherlich recht, wenn er die Entstehung dieser Sage darauf zurückführt, daß man versuchen wollte, manche Späße des Hodschas zu rechtfertigen7. Nicht mehr Bedeutung darf einer persischen Überlieferung beigemessen werden, die Nasreddin als einen Zeitgenossen und Untertanen des Schahs Takasch (um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung) nennt8; hier war wohl der Wunsch maßgebend, den berühmten Nasreddin als persischen Landsmann beanspruchen zu können. In beiden Fällen handelt es sich überdies um ganz vereinzelte, von dem Massiv der übrigen Überlieferungen abseits stehende Anekdoten.
Weniger als das hohe Alter der von den Historikern übernommenen Traditionen fällt bei der Frage, ob Nasreddin der Mythe angehört, der Umstand ins Gewicht, daß der Hodscha Nasreddin im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine solche Berühmtheit genossen haben soll, daß einer seiner Nachkommen eben dieser Abstammung wegen ein kaiserliches Geschenk erhalten hätte. Wäre diese Geschichte tatsächlich, wenn auch nur in ihren Grundzügen und ohne das lustige Moment, von einem Historiker dieser Zeit bezeugt9, dann wäre sie eine glückliche Illustration zu der Tatsache, daß damals schon Nasreddin als derselbe galt, als der er heute gilt, einer Tatsache, die aber schon aus dem Alter des ältesten der von Decourdemanche benützten Manuskripte hervorgeht.
Von nicht viel größerer Bedeutung für die Lösung jener Frage ist es wohl auch, daß noch heute in Akschehir das Grab des Hodschas Nasreddin gezeigt wird, wenn dieses auch schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts von dem berühmten osmanischen Reisenden Evlija Tschelebi besucht worden ist10, und obwohl ihm, wie von mehrern Geschichtsschreibern bewährt wird, der Sul tan Murad IV. (1623–40), der sich dort auf einem Feldzuge längere Zeit aufgehalten hat, die Anregung zu einem Gedichte verdankte11.
Dieses Grab beschreibt der Grieche Walawani in einer dem Hodscha Nasreddin gewidmeten Monographie folgendermaßen12:
»Gleich beim Eintritte in den Friedhof von Akschehir zieht den Blick des Besuchers ein sonderbares Bauwerk auf sich. Vier in die Erde eingerammte hölzerne Säulen tragen ein viereckiges, einem rechtwinkeligen Vierflächner ähnelndes baufälliges hölzernes Dach, das ein Grab schützt; über diesem Grabe befindet sich ein außerordentlich großer Turban, der keineswegs aus Stein ist, sondern aus Leinwandbändern, die um das Grabsäulchen gewickelt sind. Drei Seiten des Grabes sind offen, und nur die dem Beschauer zugewandte, die nördliche, ist mit einer zweiflügeligen hölzernen Tür geschlossen, an der zwei ebenfalls hölzerne Schlüssel hangen. Das Bild des Grabes berührt wunderlich; der Beschauer wird nämlich gleich beim ersten Anblicke unwillkürlich von einem unbezähmbaren Gelächter befallen, weil er nicht sofort begreifen kann, warum das allen Winden preisgegebene Grab so sorgfältig verschlossen wird. Indessen dauert es nicht lange, so kommt er darauf, daß es sicherlich die Absicht des oder besser der geistigen Schöpfer gewesen sei, den Witz jenes Mannes zu versinnbildlichen, der auch noch im Tode Heiterkeit um sich ausgießt und ein Lächeln auf die Lippen zwingt; diese geistreiche Darstellung zu ersinnen war ein einziger, und noch dazu ein Asiate nicht imstande.«
Trotz Walawani kam man aber mit der Behauptung, es sei ein einziger Mann und wirklich ein Asiate gewesen, der die Idee zu diesem Grabmale gefaßt und auch ausgeführt habe; und dieser eine sollte niemand anders als Nasreddin selber gewesen sein. Kúnos erzählt nämlich, leider wieder ohne Quellenangabe13:
»Nasreddin verlangte einmal von Timur zehn Goldstücke, um sich ein Denkmal errichten zu lassen. In seiner gewohnten Freigebigkeit, aber auch aus Neugier erfüllte ihm Timur diesen eigentümlichen Wunsch. Der Hodscha ließ sich für die zehn Goldstücke ein Türbeh, ein Grabmal, bauen, das an drei Seiten offen und nur an der vierten durch eine Mauer geschützt war. In diese Mauer ließ er eine Tür machen, und an dieser ließ er ein Vorhängschloß anbringen. Das Türbeh trugen vier Holzsäulen, und er ließ es mit einem viereckigen Holzdache versehn, um darunter seinen Grabstein zu stellen. Den sonderbaren Bau, den er in dem Friedhofe von Akschehir aufstellen ließ, erklärte er, wie folgt: ›Den Nachkommen werden die großartigen Steinbauten Timurs nur Anlaß zu Tränen geben; Nasreddins Grab aber wird die Leute zur Heiterkeit stimmen und ein fröhliches Lachen auf ihre Lippen locken.‹ Und so geschah es auch. Der Hodscha wurde dort begraben« usw. usw.
Einzelnes aus dieser Geschichte stimmt mit dem überein, was Cantimir aus seinem livre turc über Nasreddin mitgeteilt hat14; aber Cantimir spricht von dem Bau einer einfachen Tür auf freiem Felde, und mit keinem Worte ist davon die Rede, daß sie dem Hodscha hätte als Grabmal dienen sollen. Diese Tür spukt auch in manchen Überlieferungen: die Serben erzählen von ihr, versuchen jedoch für die unklare Reminiszenz eine befriedigende Erklärung zu finden15, und dasselbe tut der rumänische Dichter, der ja auch nur Volksüberlieferungen wiedergibt16. Aber mit Nasreddins Grab hat das Türmotiv nichts zu tun, und die sich so hübsch lesende Beschreibung Walawanis entspricht samt ihrer erweiterten Bearbeitung durch Kúnos keineswegs der Wahrheit.