Die Fabel von der Tür hat schon der erste Engländer, der sich mit Nasreddin befaßt hat, William Burckhardt Barker, dem sie freilich in einer andern, immerhin aber den Kern bringenden Form erzählt worden sein muß, mit der Autorität, die der Augenschein verleiht, klar und deutlich abgelehnt17: »Among other contradictions related of Nasr-il-deen Khoja, the Turks say that ›such were the contradictions in his character and throughout his whole life—sometimes appearing so learned, sometimes so stupid, etc.—that even after death these contradictions were kept up‹: and that ›his tomb has now an iron grate, with a large gate and lock, but no railing round it.‹ The author has, however, visited his tomb at Ackshahír, and can attest that it is ›a vulgar error,‹ and that it is a simple unassuming monument, with an iron railing round it, and a small gate and lock like the rest of the tombs of the Mosolmen near it.«
Und ganz gegenstandslos wird die Fabel, wenn man die auch auf eigenen Wahrnehmungen fußende Beschreibung liest, die der letzte Türke, der über Nasreddin geschrieben hat, von dem Grabmal gibt18: »Das Grabmal trägt eine Kuppel, die auf vier glatten, hübschen Säulen ruht. In der Mitte steht der Sarg mit dem gestreiften Turban, wie ihn die Hodscha zu tragen pflegen. Die Wände des Sarges sind auf den den Besuchern zugewandten Seiten voll einer großen Zahl von Aufschriften in Versen und Prosa.« Das ist alles; keine Spur von einer Tür, einem Vorhängschlosse oder einem Schlüssel. Im übrigen sei auf die in der Ausgabe Behaïs enthaltenen Lichtbilder verwiesen, die das Grabmal von innen und von außen und vor und nach seiner in den letzten Jahren der Regierung Abdul Hamids erfolgten Restaurierung wiedergeben.
Ob das Grab überhaupt als das Nasreddins betrachtet werden darf, ist eine andere Sache. Zu Häupten des Sarges findet sich nämlich folgende Inschrift:
Dies ist das Grab des Verewigten,
dem Verzeihung gewährt worden ist, der bedarf
des Erbarmens seines Herrn, des Verzeihenden,
des hochehrwürdigen Nasreddin.
Für seine Seele
(bete) eine Fatiha. 386.
Diese Jahreszahl macht Behaï viel Kopfzerbrechens19; denn auch wenn man sie verkehrt liest, erhält man als Todesjahr Nasreddins — und das soll sie ja wohl bedeuten — spätestens 1285 unserer Zeitrechnung, und Timur ist 1405 gestorben, Bajazet 1403. Aber weder von dem einen Herrscher, noch von dem andern wird ein Grab gezeigt; zu dem ihres Spaßmachers pilgern noch heute Tausende gläubiger Menschen. Was tut es diesen, wenn die Jahreszahl falsch ist? oder wenn das Grab wirklich nichts andres ist als die Frucht einer glücklichen Laune eines oder mehrerer Asiaten? Andächtig hängen die Wallfahrer ihre Zeugfetzchen, die das Fieber abwehren sollen, an die Gitterfenster des Grabmals; und die Einwohner von Akschehir bringen dem Hodscha sogar Speiseopfer, und werden die verschmäht, so glauben sie, eine Hungersnot werde hereinbrechen20.
Die von Akschehir haben ja Nasreddins Macht, Wunder zu wirken, schon zu seinen Lebzeiten verspüren müssen. Als sie ihn einmal er zürnt hatten, ging Nasreddin auf den Akschehir beherrschenden Berg, der, etwa durch ein Erdbeben vergangener Zeiten, gespalten ist; vor diesen Spalt hing er einen kleinen Teppich, und damit machte er es den Winden unmöglich, über die Stadt hinzustreichen und die Wolken über sie zu schicken. Als der Regenmangel empfindlich zu werden begann, schickten seine Mitbürger eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge den verwunschenen Teppich von dem Spalte wegnehmen und seiner Vaterstadt einen Regen vergönnen. Der Hodscha ließ sich erweichen; und kaum hatte er den Rand des Teppichs ein klein wenig gehoben, so erquickte schon ein kühles Lüftchen die unter der Hitze schmachtende Stadt, und der Himmel säumte nicht lange, seine wohltätigen Schleusen zu öffnen21.
Der Hodscha ist aber noch immer ein leicht reizbarer Herr; wenn einer, der an seinem Grabe vorbeikommt, so verstockt ist, daß er durchaus nicht lachen will, so straft er ihn schier augenblicklich mit seinem Zorne. Davon weiß der Verfasser der letzten türkischen Ausgabe ein Liedchen zu singen22; geben wir ihm das Wort: »Als wir, nämlich ich, die arme Schreiberseele, die dieses Buch verfaßt hat, mein Vater und der Gatte meiner Schwester, auf einer Reise die Straße nächst dem Mausoleum Nasreddins fuhren, ja dicht an diesem vorüberkamen, sagte mein Schwager: ›Wenn ich jetzt nicht über den Mann lache, wer weiß, was mir da schlimmes zustoßen wird.‹ So sprach er und hörte nicht auf uns, obwohl wir ihn inständigst baten. Als wir nun unter einem herabhängenden Aste einer alten Platane dahinfuhren, verfing sich dieser in dem Sommerdache des Bauernwagens und riß es in Fetzen; die Pferde wurden scheu, und auf ein Haar wäre der Wagen umgestürzt. Das Weinen war uns näher als das Lachen.«
Glücklicherweise können derartige Unfälle nicht oft vorkommen; denn es wird einem Türken recht schwer, bei dem Anblicke des Grabes, der die Erinnerung an Hunderte von Schwänken erweckt, ernsthaft zu bleiben, und ein drastischer Beleg ist dafür eine Geschichte, die Kúnos in Aidin aus dem Munde eines Augenzeugen gehört hat23: »Nach euerer Zeitrechnung war es im Jahre 1832, daß wir, als wir unter der Führung Ibrahim Paschas in Kleinasien waren, um den Aufruhr in der Gegend von Konia zu ersticken, auch bei Akschehir vorübermarschierten. Unser Weg führte an dem Friedhofe vorbei, und da entging es dem Blicke des Paschas nicht, daß keiner von den Soldaten, wenn ihre Blicke auf den Turban des Hodschas24 fielen, ein Lächeln verhalten konnte. Der Pascha ließ halten; als er nun erfuhr, warum die Soldaten lachten, ließ er unter ihnen verlautbaren, wer an dem Grabe vorbeigehn könne, ohne zu lachen, den werde er beschenken. Manchen gelang es auch, das Lachen zurückzuhalten; endlich ging aber ein Albanese vorüber, der seinen Ernst um jeden Preis bewahren wollte. Kaum hatte er jedoch den sonderbaren Turban erblickt, so platzte er auch schon los, obwohl er seine Lippen und Zähne zusammengepreßt und die Augen fest geschlossen hatte, und schrie: ›So ein Mensch ist dieser Hodscha, daß er die Leute, wenn er es schon von oben nicht kann, so doch von unten zum Lachen bringt!‹«
Bei solchen Zeugnissen ist es denn nicht zu verwundern, daß sich eine Legende gebildet hat, die eine Begründung zu geben versucht, daß das Lachen über den Hodscha die Jahrhunderte überdauert hat und daß schon die Nennung seines Namens genügt, um es stets wieder hervorzurufen. Diese Legende, oder besser, dieses ätiologische Märchen, das ich allerdings nur in einer einzigen, serbischen Fassung25 nachweisen kann, erzählt:
Es lebte einmal ein Evlija, ein Heiliger; er hatte drei Söhne, die alle drei Imame waren. Sein ganzer Besitz bestand in einem Widder. Eines Tages fragten ihn die Söhne: »Was werden wir heute essen?« Der Evlija zeigte auf den Widder. Alsbald sprangen die Söhne auf, schlachteten den Widder und zogen ihm das Fell ab; dann brieten sie ihn und verzehrten ihn. Sie sammelten hierauf alle Knochen, der Evlija stand auf, nahm den Koran in die Hand und betete über den Knochen, und die Söhne sagten Amen. Er betete, sie sagten Amen, er betete und sie sagten Amen, bis zuletzt der Widder wieder lebendig wurde. »Führt ihn in den Garten,« sagte der Evlija, und die Söhne führten den Widder in den Garten.