Am nächsten Tage fragten wieder die Söhne: »Was werden wir heute zu Mittag essen?« und der Evlija deutete mit dem Finger in den Garten und sagte: »Den Widder.« Die Söhne schlachteten ihn wieder, brieten ihn und aßen ihn. Sie sammelten wieder die Knochen und der Evlija nahm wieder den Koran und betete; die Söhne sagten Amen. Er betete und die Söhne sagten Amen, und der Widder wurde wieder lebendig.
Eines Tages ging der Evlija zu einem Grabe. Die Söhne ergriffen wie gewöhnlich den Widder, schlachteten ihn, brieten ihn und aßen ihn; auch die Knochen sammelten sie wieder. Einer von ihnen nahm den Koran und betete, und die andern zwei sagten Amen. Der eine betete und die andern sagten Amen, aber siehe da — der Widder wurde nicht lebendig.
Unterdessen kam der Evlija heim, und er fragte seine Söhne: »Wo ist der Widder? was habt ihr mit ihm gemacht?« Sie zuckten die Achseln: »Du siehst ja selber, was wir mit ihm gemacht haben.« Der Evlija besann sich, wie eben ein Evlija, sofort; er wußte alles, und darum wollte er sie nicht erst schelten, sondern fragte sie nur: »Wer hat ihn denn getötet?« »Der da,« antwortete Nasreddin. Und der Evlija sagte: »Auch er soll getötet werden!« Und er fragte wieder: »Wer hat ihm denn das Fell abgezogen?« »Der da,« antwortete Nasreddin. »Amen auch ihm! Und was hast du gemacht?« »He, he,« antwortete Nasreddin, »ich habe nur gelacht!« Nun sagte der Evlija: »Drum soll es geschehn, daß auch die Leute über dich lachen, und Gott gebe, daß alle Völker, weß Glaubens immer, über dich lachen, solange die Welt besteht!«26
Das Volk hat den Hodscha Nasreddin nicht nur unter die Märchenhelden, sondern auch unter die Heiligen versetzt; er hat ja auch kurz nach seinem Hinscheiden die Gläubigen, die in einer nahe bei seinem Grabe gelegenen Moschee versammelt waren, vor dem ihnen durch den Einsturz der Kuppel drohenden Tode errettet27. Und dort, wo sein Grab ist, in Akschehir, gibt es kaum eine Gasse, einen Brunnen oder eine Dschami, woran sich nicht Überlieferungen von Nasreddin knüpften, und von jeder Moschee wird behauptet, Nasreddin habe in ihr gepredigt: man zeigt dem Fremden, wo er über die Allgegenwart Gottes die Worte gesprochen hat: »Wenn Gottes Hand nicht alles lenkte, dann müßte wenigstens einmal etwas geschehn, wie ich es wollte!« und mit besonderm Stolze führt man den Besucher zu der Kanzel, auf der der Hodscha die berühmte dreigeteilte Predigt gehalten hat, die unsere Sammlung eröffnet28.
Mag immerhin einer oder der andere, weil die Kette der Beweise nicht lückenlos ist, behaupten: Nasreddin hat nicht gelebt; das eine wird niemand leugnen wollen: Nasreddin lebt.
Über seinen Geburtsort gehn die Überlieferungen auseinander. Kúnos läßt die Entscheidung offen zwischen Siwri-Hissar und Akschehir, Behaï gibt Siwri-Hissar an, und Ali Nouri29, der pseudonyme Verfasser einer deutschen Ausgabe von Nasreddins Schwänken, sagt kurzer Hand, daß er in Akschehir geboren sei. Flögel nennt Jenischehir als Geburtsort; aber die von Akschehir, die förmlich mit Eifersucht alles hüten, was an den Hodscha erinnert, weisen es entschieden zurück, daß er in Jenischehir jemals auch nur gewesen sei30. Wohl nur auf dem Schlusse aus seiner Zeitgenossenschaft mit Timur und Bajazet beruhen die Angaben, daß er, wie Behaï sagt, in der Regierungszeit Sultan Orchans (1326–1359) oder, nach andern, um 1360 geboren sei. Kombination ist natürlich auch alles übrige, was über seine Lebensumstände erzählt wird, obwohl es im allgemeinen herzlich wenig ist; andere Quellen als die Schwänke gibt es ja nicht. Und bei dem jüngsten Biographen Nasreddins fühlt man leicht, daß der Wortschwall als Mittel verwandt wird, um die peinlich empfun dene Unwissenheit zu verdecken; immerhin sei mitgeteilt, was dieser zu berichten weiß31:
»Nach der herrschenden Meinung hat sich der verewigte Hodscha in Akschehir und wohl auch in Konia dem Studium und der Vervollkommnung in den Wissenschaften hingegeben. Dann war er in einigen Städten und Bezirken in der Nähe von Akschehir Kadi. In seiner Vaterstadt Siwri-Hissar war er Prediger. In einigen andern Orten war er Lehrer an geistlichen Seminaren und Vorbeter. Auch hat er Amtsreisen unternommen in die Wilajete Konia, Angora und Brussa, sowie in einige andere angrenzende Provinzen. ... Er gehörte zu den Juristen aus der Rechtsschule Abu Hanifas32... Als er einmal von der Regierung in Staatsgeschäften nach Kurdistan geschickt wurde, sagte dort einer, der ihn erkannte: ›Unser Hodscha versteht sich sogar auf Politik und Regierungskunst und ist darum ein ganzer Mann.‹ Ein andermal wurde er in Akschehir mitten aus einer Versammlung herausgeholt; für die Regierung hatte sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, sofort Eilboten dorthin zu schicken und ihn aufzufordern, so schnell wie möglich in die Hauptstadt zu kommen. Meistens beschäftigte er sich mit der mohammedanischen, auf Koran und Überlieferung gegründeten Rechtskunde.«
Die Naivetät, die aus diesen Erzählungen spricht, wird noch übertroffen durch die groteske Art der Lobsprüche, die Behaï dem Hodscha angedeihen läßt. Mit Entrüstung erfüllt es ihn, daß man versucht hat, unwahre Behauptungen über Nasreddin durch erfundene Geschichten zu stützen, und daß in einem von ihm nicht näher bezeichneten Buche der Ausspruch getan wird: »Der Hodscha zeigt manchmal den höchsten Grad von Freigeisterei; auch ist er nicht Wandermönch geworden. Es ist dem Gedächtnis überliefert, daß seine durch anderweitige Beispiele erwiesene fluchwürdige Gottlosigkeit gewiß der als göttliche Strafe zu gewärtigenden Vernichtung würdig ist, und daß er Fragen der Jurisprudenz und der Theologie im Verkehre mit den verschiedensten Klassen der Muselmanen unter der Verhüllung durch Schwänke behandelt hat. Möge ihm Gottes Barmherzigkeit noch zu teil werden!« Dagegen donnert Behaï in folgender Philippika: »Nirgends ist bei Sr. Hochehrwürden und Sr. Heiligkeit — nämlich Nasreddin — irgendein der Welt schmeichelnder Unglaube festzustellen. Seine Gerechtigkeit steht außer Zweifel, gemeine und niedrige Handlungen finden sich bei ihm nicht; ja nicht einmal in Gedanken hat er gesündigt. Freilich gibt es — das sei in aller Ehrerbietung gesagt — auch für den Hodscha eine Grenze, über die hinaus seine sittliche Kraft nicht reicht: da auch er nur ein Mensch war, da auch ein Muselman nicht ohne Sünde ist, hat wohl auch er in Sünde fallen können, und es ist möglich, daß er in seiner Kindheitszeit und seinem Jünglingsalter unpassendes getan, ja eine Sünde begangen hat; nur allmählich vervollkommnete er sich, machte er Fortschritte in der Wissenschaft, in den Kenntnissen, in der sittlichen Vervollkommnung und in der Weisheit und bildete Körper und Charakter aus, bis er schließlich zu dem höchsten Grade der Vereinigung mit Gottes Heiligkeit und seinem heiligen Geiste gelangt ist.« Und an einer andern Stelle heißt es: »Staunenswert war seine asketische Frömmigkeit; selbst im Schlafe hat er sich nie durch unreine Gedanken befleckt.« Und weiter: »Er zog es vor, sich betrügen zu lassen, ja sogar einen empfindlichen Schaden zu erleiden, als irgendeinem Menschen eine schändliche Lüge oder einen Betrug zuzutrauen ... Se. Hochehrwürden, der verewigte Nasreddin war ein tiefgründiger Gelehrter, der der Weltlust und den weltlichen Dingen entsagt hat; er war eine durchaus reine und lautere Natur in des Wortes tiefster Bedeutung, er war geradezu eine Engelsnatur.«
Der Leser soll nicht weiter gelangweilt werden; hoffentlich begleitet ihn aber die Erinnerung an diese Panegyriken bis zu der Lektüre der Schwänke.
Ebenso schmerzlich wie den dem Hodscha gemachten Vorwurf der Gottlosigkeit empfindet es Behaï auch, daß dieser manchen nur als einfacher Spaßmacher gilt: »Wir zählen den verewigten Hodscha zu einer Art von Persönlichkeiten, die nur auf ein einziges Volk — nämlich das türkische — beschränkt geblieben ist; weder Behlewal Dana in der Anfangszeit des Islams, noch der sprichwörtlich gewordene Mudschadib, noch Dschoha, noch Männer wie Abdal, die sich ihn zum Vorbilde nahmen, noch Abu Dulama von den Arabern, noch Talhak von den Persern, diese Schmarotzerseelen, noch irgendein anderer von den übrigen Völkern kann mit unserm Hodscha verglichen werden.«33