Dieser Ausspruch ist nicht unwichtig; er beweist, daß man auch in dem Volke, dem Nasreddin angehört, schon die Verwandtschaft erkennt, die ihn mit andern Gestalten verbindet, die, ob historisch oder nicht, als wenig verschiedene Typen die Helden des Dummheitsschwankes und oft zugleich des Schlauheitsschwankes darstellen. Von diesen haben wir uns hier noch mit Dschoha zu beschäftigen.
Der Umstand, daß Dschoha viele sonst mit Nasreddin verbundene Schwanküberlieferungen auf sich vereinigt, hat einzelnen Gelehrten den Anlaß zu der Behauptung gegeben, Nasreddin und Dschoha seien einunddieselbe Person, und man hat sogar versucht, das arabische Wort Dschoha als eine Ableitung des türkischen Hodscha zu erklären34. Diese Meinungen sind aber unhaltbar, da Dschoha als ein dem Hodscha Nasreddin ähnlicher Typus lange vor diesem belegt ist.
Schon der Fihrist des 995 gestorbenen ibn Ishak an Nadim, eine Bibliographie der damals vorhandenen arabischen Literatur, nennt unter den Schwankbüchern unbekannter Verfasser ein von Dschoha handelndes35; dieses ist ebenso wie die andern dieser Gruppe angehörenden Schriften verloren. Die nächste Erwähnung Dschohas findet sich in dem Kitab madschma al amthal des 1124 verstorbenen al Maidani, einer großen ara bischen Sprichwörtersammlung36; Maidani belegt einzelne Sprichwörter, die mit dem Namen eines Einfaltspinsels verknüpft sind, mit kleinen Erzählungen von dem betreffenden, und so hat er auch drei Geschichten von Dschoha37. Dieser führt aber auch noch zugleich mit Nasreddin ein von ihm unabhängiges Dasein; der Thamarat al aurak von ibn Hidschdscha al Hamawi (1366–1434) bringt von ihm einige Schwänke und sagt über ihn: »Manche behaupten, daß er der unterhaltendste Mensch von der Welt gewesen sei, daß es aber zwischen ihm und den Leuten Zwistigkeiten gegeben habe, und daß man ihm alle mög lichen Geschichten beigelegt habe; andere sagen, er sei der leichtfertigste Taugenichts gewesen.«38
Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte, oder wenn man auf die Tatsache, daß keine ältere Aufzeichnung Nasreddinscher Schwänke erhalten ist, pochen will, bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts können also die Überlieferungen des Dschohakreises als die ältern nicht von solchen der Nasreddingruppe beeinflußt worden sein; daß aber später Dschoha und Nasreddin, die ja, der eine für die Araber, der andere für die Türken, gleichartige Typen des Narren und Volkslieblings darstellen, ineinander übergeflossen sind, ist leicht verständlich. Dem tragen die heute im arabischen Oriente außerordentlich verbreiteten Drucke Rechnung, die schon im Titel die beiden Personen identifizieren: Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha. Freilich läßt der Umstand, daß Nasreddin oft auch als Dschoha er-rumi, als rumelischer oder türkischer Dschoha bezeichnet wird39, den Schluß zu, daß der Araber noch immer zwischen den beiden unterscheide und durch diese Bezeichnung nur die Ähnlichkeit, die auch er zwischen ihnen erkennt, ausdrücken wolle; dies erscheint aber als nebensächlich, weil zur Ausstattung beider Volkslieblinge der Schatz der alten Überlieferungen gleichmäßig geplündert worden ist und noch weiter geplündert wird. Was man heute vorläufig nur von Nasreddin erzählt — abgesehn natürlich von dem genannten oder ungenannten Schwank helden, von dem es zuerst berichtet worden ist — wird morgen auch von Dschoha erzählt, und ebenso umgekehrt; klar ist es dabei, daß die Araber bei ihrer reichen Schwankliteratur meist die gebenden, die Türken die empfangenden sind.
Die verschiedenen Ausgaben des Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha, deren Inhalt so ziemlich identisch zu sein scheint, enthalten fast alle Geschichten des noch zu besprechenden, zum ersten Male 1837 erschienenen türkischen Volksbuches von Nasreddin und in derselben Anordnung. Wenn der Schluß, den Basset aus dem das Jahr der Hidschra 1041 zeigenden Chronogramme einer ihm vorliegenden Bulaker Ausgabe zieht, richtig ist40, wenn also der Nawadir in seiner heutigen Form schon im 17. Jahrhunderte — das Jahr 1041 der Hidschra entspricht dem Jahr 1631 n. Chr. — abgefaßt worden ist, dann haben das türkische Volksbuch und der arabische Nawadir dieselbe Vorlage gehabt, die allerdings im Nawadir fast auf das Doppelte erweitert worden ist; jedenfalls hat der Verfasser des Nawadirs neben der türkischen Quelle auch arabische und vielleicht andere bereits niedergeschriebene Schnurren vor sich gehabt: aus dem Mustatraf von al Abschihi († 1446) sind zum Beispiele in den Nawadir ganze Seiten aufgenommen worden41.
Durch die Araber ist Dschoha, und zwar dieser Dschoha des Nawadirs, die allbeliebte Schwankfigur auch im nördlichen Afrika ge worden, und so wie die dem türkischen Volksbuche noch nicht angehörenden Dschohageschichten in die türkische Überlieferung übergegangen sind, so haben auch Erzählungen des Nasreddinkreises zugleich mit Dschohageschichten oder als solche in dem Volksmunde des Maghribs Aufnahme gefunden. Natürlich haben die Araber ihr sowieso beschränktes Eigentumsrecht an Nasreddin-Dschoha nicht behaupten können, sondern haben ihn mit den Berbern teilen müssen. Die Kabylen der Küste Algiers haben ihren Dscheha, die Beni Msab der Sahara ihren Dschoha, die Berbern von Tamazratt ihren Dschuha, die in der Oase Ghat ihren Schaha; und wie der tunisische und der tripolitanische Araber von Dschuha erzählt, so hat sich der Nubier einen Dschauha geschaffen. Der Schwank von der Schüssel, die zuerst gebiert und dann stirbt, begegnet mit dem türkischen Nasreddin, mit dem türkisch-arabischen Nasreddin-Dschoha, mit dem arabischen Dschoha und mit dem berberischen Dscheha als Helden; schließlich kehrt er auch auf Malta wieder, und dort ist aus dem Dschoha ein Dschahan geworden42.
Gemeiniglich wird auch angenommen, daß der sizilianische Volksnarr Giufà oder Giucà, der in Piana de’ Greci, in Palazzo Adriano und in andern albanesischen Ansiedelungen Siziliens Giuχà heißt43, der nationalisierte arabische Dschoha sei; dem steht entgegen, daß auch in Toskana der bevorzugte Träger von Dummheitsschwänken Giucca, Giucco, Ciocco heißt. In jedem italiänischen Wörterbuche findet man neben sciocco auch giucco = Dummkopf, neben scioccaggine, scioccheria usw. auch giuccaggine, giuc cheria usw. = Dummheit, und in Pitrès Sammlung toskanischer Volkserzählungen kommt eine moglie giucca, eine dumme Frau, vor, die ihrer Dummheit halber Giucca gerufen wird44. Wahrscheinlich ist ja eine oder die andere von den Giufàgeschichten arabischen Ursprungs; ob man aber deswegen und wegen des flüchtigen Gleichklanges eines aus der italiänischen Sprache ebenso gut erklärbaren Wortes mit einem arabischen Namen so weittragende Schlüsse ziehen darf, bleibe dahingestellt.
Eher könnte man wohl eine Namensentlehnung bei dem entsprechenden kalabrischen Typus annehmen, dessen einer Name Hiohà — der andere lautet Juvadi oder Juva’, was wieder zu Giufà stimmt — sicherlich mehr als Giufà an Dschoha erinnert; was die innerliche Verwandtschaft betrifft, so findet man, auf diesen übertragen, sogar eine als reine Dschohageschichte nicht belegte Erzählung des Nasreddinkreises vor.
Für das Verhältnis Nasreddins zu Dschoha ist die Feststellung wichtig, daß aus der Zeit vor Nasreddins angeblichem oder wirklichem Leben noch keine einzige Dschohageschichte bezeugt ist, die als Quelle eines Nasreddinschen Schwankes angenommen werden müßte45, während das sonst Nasreddin zugeschlagene Gut wahrlich nicht gering ist. Eine ganze Reihe von Schnurren — es ist hier wieder nur von dem ersten Teile unserer Ausgabe die Rede, genauer ausgedrückt von den Nummern 1 bis 331 — findet sich schon bei dem Perser Ubeid Zakani († 1370 oder 1371), nicht so viele bei dem syrischen Bischofe Bar-Hebraeus (1226–1286), und einige stehn schon in dem Kitab al ikd al farid von ibn Abdirabbihi (860–940); daß äsopische Fabeln Verwendung gefunden haben ist weniger verwunderlich, als daß auch die unter dem Namen der Facetien von Hierokles bekannte, vielleicht schon im fünften Jahrhunderte verfaßte Sammlung ausgebeutet worden ist. Auf vereinzelte Parallelen, wie sie sich zum Beispiele bei az Zamachschari (1074 bis 1143) und al Habbarija († 1100) finden, sei hier nicht näher eingegangen. Daß von Nasreddin Geschichten erzählt werden, die auch Karakusch, dem Wesir Saladins, beigelegt worden sind, kann, da sie noch in keinem sicher dem ursprünglichen Verfasser der Karakuschanekdoten al Mammati († 1209) zugehörigen arabischen Texte, sondern nur in einer viel spätern türkischen Bearbeitung nachgewiesen sind46, nicht in Betracht kommen, und dasselbe gilt von den Erzählungen, zu denen sich Gegenstücke auch in den türkischen Vierzig Wesiren finden, deren arabisches Original noch nicht bekannt ist47. Mehrere Stoffe Nasreddins sind vor diesem von abendländischen Erzählern behandelt worden; hier darf wohl manchmal eine europäische Quelle angenommen werden, zum Beispiele bei dem in den europäischen Überlieferungen so oft wiederkehrenden und im Oriente nur mit Nasreddin belegten, schon von Boccaccio zu einer Novelle gestalteten Schwanke von den angeblich einbeinigen Gänsen oder Kranichen, die sich, als man sie erschreckt, auf beiden Beinen davonmachen. Mit jeder Spanne Zeit, um die man überdies das erste Auftauchen eines Schwankes bei Nasreddin hinaufrückt — der Spielraum ist auch bei den schon in den ältesten Manuskripten enthaltenen immerhin fast zweihundert Jahre — wird eine Übertragung durch die Vermittlung der Literatur wahrscheinlicher; und daß die heute noch nicht abgeschlossene Übertragung der mündlichen Überlieferungen schon sehr zeitlich begonnen hat, ist bei Gestalten wie Nasreddin selbstverständlich.
Die erste gedruckte Ausgabe der Schwänke Nasreddins ist 1837 in Konstantinopel erschienen und drei Jahre vorher hat J. Dumoret im Journal asiatique nach einem Pariser Manuskripte drei Erzählungen veröffentlicht, für deren Verfasser er Nasreddin hielt48; vorher wußte man von diesem in Europa nicht mehr, als was Flögel und die genannten Historiker berichteten und was Goethe im West-östlichen Diwan mitgeteilt hat49.