Goethe verdankt seine Kenntnis Nasreddins dem Berliner Orientalisten Prälaten von Diez, der für ihn fünf Schwänke übersetzt hat50. Diez, der »würdige Mann« mit der »strengen und eigenen Gemütsart« hatte an Nasreddin kein sonderliches Gefallen; in einem vom 24. April 1816 datierten Briefe an Goethe schreibt er: »Fürs Weitere möchte ich Ihnen gern ein Paar Erzählungen von Nusreddin Chodscha mitsenden, der nicht sowohl ein witziger Kopf als ein ziemlich platter und unsauberer Schwänkemacher gewesen.« Und am 11. Oktober 1816: »Nussreddin Chodscha war nur ein ziemlich gemeiner Spaßmacher und Zotenreißer. Die Erzählungen die man von ihm hat, sind daher noch jetzt nur der Gegenstand der Unterhaltung gemeiner Leute in den langen Winterabenden. Er lebte im vierzehnten Jahrhundert als Lehrer (Chodscha) auf einem Dorfe in Kleinasien, um die Zeit, als Timur oder Timurlenk, der lahme Timur (woraus man in Europa Tamerlan gemacht) in Asien auf Eroberungen ausging. Timur fand Vergnügen an den Schwänken und Einfällen des Mannes und führte ihn auch eine Zeitlang als Gesellschafter mit sich herum. Man hat mehrere kleine Sammlungen seiner Einfälle. Mir ist aber niemals bekannt geworden, daß man in Europa etwas davon übersetzt habe. Ich habe daher einige der züchtigsten und besten Erzählungen in der Beilage wörtlich übersetzt, damit Ew. Hochwohlgeb. daraus den Geist des Mannes näher kennen lernen mögen. Wenn Timur ihn als Spielzeug gebrauchte, so mußte er sich auch manche Grobheiten von ihm gefallen lassen.«
Goethens Gesichtskreis war etwas weiter als der des Prälaten; in seiner Antwort an ihn, datiert vom 23. Oktober 1816, heißt es: »Die Stellung solcher Lustigmacher an Höfen bleibt immer dieselbe, nur das Jahrhundert und die Landschaft machen Abstufungen und Schattierungen, und so ist denn dieser sehr merkwürdig, weil er den ungeheuren Mann begleitet, der in der Welt so viel Unheil angerichtet hat und den man hier in seinem engsten und vertrautsten Zirkel sieht.« Und in den Noten und Abhandlungen zum Diwan hat Goethe aus den fünf ihm von Diez übersandten Erzählungen51 von dem »lustigen Reise- und Zeltgefährten des Welteroberers« den Schluß gezogen, »daß gar manche verfängliche Märchen, welche die Westländer nach ihrer Weise behandelt, sich vom Orient herschreiben, jedoch die eigentliche Farbe, den wahren, angemessenen Ton bei der Umbildung meistens verloren«; und er fährt fort: »Da von diesem Buche das Manuskript sich nun auf der königlichen Bibliothek zu Berlin befindet, wäre es sehr zu wünschen, daß ein Meister dieses Faches uns eine Übersetzung gäbe. Vielleicht wäre sie in lateinischer Sprache am füglichsten zu unternehmen, damit der Gelehrte vorerst vollständige Kenntnis davon erhielte. Für das deutsche Publikum ließe sich alsdann recht wohl eine anständige Übersetzung im Auszug veranstalten.« Vorher hat er schon eine von den fünf Erzählungen abgedruckt und ihr die Bemerkung vorausgeschickt, wie er sich die Ausgestaltung des im Diwan nur zwei Gedichte umfassenden Buch des Timur gedacht hätte.
Der Anregung Goethes ist, wohl unbewußterweise, der erste Übersetzer der türkischen gedruckten Sammlung, Camerloher, zum Teile nachgekommen, indem er einige Stellen, die ihm für den deutschen Leser zu frei schienen, lateinisch übertragen hat52. Eine französische Ausgabe des inzwischen in Konstantinopel oft aufgelegten Volksbuches ist 1876 von Decourdemanche besorgt worden52, der später auch den schon erwähnten, auf einer Reihe von Handschriften beruhenden Sottisier de Nasr-Eddin-Hodja herausgegeben hat. Eine reiche Auswahl aus dem Volksbuche in türkischer Sprache mit einer interlinearen englischen Übertragung hat W. B. Barker seinem ebenfalls schon genannten türkischen Lesebuche beigegeben; er folgte damit dem Beispiele Dietericis, der sieben Nasreddingeschichten aus zwei Manuskripten Diezens in seine 1854 erschienene Chrestomathie ottomane aufgenommen hatte, und Malloufs, in dessen Dialogues turcs-français, Smyrna, 1854 (2. Auflage Konstantinopel, 1856) sich sieben Erzählungen von Nasreddin finden. Sechs davon hat Mallouf in der Revue de l’Orient, de l’Algerie et des Colonies von 1853 ins Französische übersetzt; die von Dieterici veröffentlichten hat H. Ethé in seinen Essays und Studien, Berlin, 1872 zur Unterlage eines Aufsatzes über Nasreddin benutzt.
Im Jahre 1299 der Hidschra (1883) hat Mehmed Tewfik in Stambul eine Sammlung von 71 Schwänken Nasreddins herausgegeben; wenige Monate später ließ er ihr 130 Schwänke von Buadem folgen. Buadem, zu deutsch: dieser Mann, ist eine von Tewfik erfundene Gestalt, zu deren Ausstattung er vorläufig viele Schnurren des Nasreddin-Dschohakreises verwandt hat. In geringerm Maße ist dies bei den 96 Schwänken festzustellen, die er seinem Buademwerke in der Ausgabe von 1302 beigegeben hat53.
Nur zwei anscheinend neue Erzählungen, darunter eine von Timur, bringen die ihrer Einleitung halber schon oft zitierten Naszreddin hodsa tréfái, die Kúnos in Kleinasien aus dem Munde eines Aidiners aufgezeichnet hat; die Nummern 1 bis 123 finden sich, eine ausgenommen, schon in dem 125 Geschichten enthaltenden Volksbuche, und auch die Reihenfolge ist bis auf zwei Ausnahmen beibehalten worden54.
Schon 1872 ist in Athen eine griechische Ausgabe der Schwänke Nasreddins erschienen mit dem Titel Ὁ Ναστραδὶν Χώντζας. Διηγήματα αὐτοῦ ἀστεῖα καὶ περίεργα55. Sie ist mir trotz allen Bemühungen unzugänglich geblieben, enthält aber angeblich denselben Text wie das bei Saliber in Athen erschienene Groschenbändchen Ὁ Νάσρ-ἐδδὶν-Χότζας καὶ τὰ ἀστεῖα ἀνέκδοτα αὐτοῦ. Dieses bringt, augenscheinlich in Übersetzung, viele Stücke aus dem Volksbuche, daneben solche, die bei Tewfik wiederkehren, aber auch eine Reihe von Erzählungen, die sich weder im Volksbuche, noch bei Tewfik finden56. Daß übrigens Nasreddin bei den Griechen eine selbständige Existenz führt, zeigt auch das im II. Bande S. 250 besprochene Märchen von Naxos57.
Die serbische Ausgabe, aus deren Einleitung oben das Märchen von dem Evlija und seinen drei Söhnen mitgeteilt worden ist, nennt Mehmed Tewfik als Verfasser und trägt auf dem Titel den Vermerk Prevod s nemackog, Übersetzung aus dem Deutschen; dies ist aber nur zum Teile richtig. Die Seiten 9 bis 48 enthalten zwar Übertragungen aus Tewfiks Nasreddinausgabe, aber dazwischen sind einige aus dem Volksbuche entnommene Erzählungen eingeschoben, und manche beruhen überhaupt auf einer andern Quelle; der darauf folgende Abschnitt mit dem Titel Buadam bringt die 130 Buademschwänke in ungeänderter Anordnung, fügt aber noch vier mit Buadam beginnende Schwänke hinzu, die bei Tewfik kein Gegenstück haben, und das letzte Drittel des Buches, bezeichnet mit Dodatak oder Anhang erzählt neben einigen nach Camerloher übersetzten Geschichten eine lange Reihe von solchen, die dem serbischen Volksmunde entnommen sind, wenn sich auch etliche schon im Sottisier finden. In Serbien und in Bosnien laufen ja noch zahllose Überlieferungen von Nasreddin um: einige wenige sind wohl in südslawischen Zeitschriften und in der Anthropophyteia aufgezeichnet, andere werden nach einer gütigen Mitteilung von Hrn. Dr. Friedrich S. Krauss alljährlich in Volkskalendern erzählt; die meisten aber harren noch immer einer Niederschrift, wie dies auch in den andern früher unter türkischer Herrschaft gewesenen Balkanländern der Fall sein dürfte58.
In kroatischer Sprache ist 1857 in Zara ein Buch erschienen mit dem Titel Nasradin iliti Bertoldo i njegova pritanka domisljatost, himbenost i lukavstina; mir liegt es in einem um Rätsel, Sprichwörter und Gedichte vermehrten Neudrucke vor: Nasradin k staroj matici povracen i Nasradinic, U Zadru (Zara), 1903. Wie schon der ursprüngliche Titel andeutet, ist es nichts als eine kroatische Bearbeitung des italiänischen Volksbuches von Bertoldo und Bertoldino, dessen Helden durch Nasradin und Nasradinic ersetzt sind. Aber auch eine Ausgabe von Schwänken Nasreddins gibt es in der kroatischen Sprache; ich kenne nur die keine Jahreszahl tragende zweite Auflage Posurice i sale Nasredina, Zagreb (Agram). Sie bietet eine nicht ganz vollständige Übersetzung des Tewfikschen Nasreddin und der 130 Buademschwänke — statt Buadem steht überall Nasredin —, aber anscheinend nicht nach der deutschen Ausgabe59; die Reihenfolge wird im allgemeinen beibehalten und nur gelegentlich, der beigegebenen Illustrationen halber, geändert. Dann und wann sind andere Erzählungen eingestreut, und von S. 64 an wechseln Schwänke aus dem Volksbuche mit andern, von denen ein Teil mit solchen aus der oben, S. XXVII zitierten deutschen Ausgabe von Ali Nouri übereinstimmt. Die Illustrationen sind dieselben wie bei Ali Nouri60.
Verhältnismäßig wenig aus dem Volksbuche, sondern meistens selbständige Schnurren, von denen gleichwohl einige mit griechischen und serbischen Hodschageschichten übereinstimmen, enthält die schon einmal erwähnte Gedichtesammlung Nazdravaniile lui Nastratin Hogea von Anton Pann, die zum ersten Male 1853 erschienen und oft nachgedruckt worden ist; in deutscher Sprache hat sich in einer poetischen Bearbeitung einiger, nur zum Teile dem Volksbuche angehöriger Schwänke Nasreddins der in Kroatien geborene Franz von Werner, der schon in jungen Jahren in türkische Dienste getreten ist, unter dem Namen Murad Efendi versucht; sein Nassreddin Chodja ist 1878 in Oldenburg erschienen.
Auch ins Armenische sind die Schwänke Nasreddins übersetzt worden, und sie haben ihren Weg weiter genommen über Gebirge und Steppen; besonders sollen sie die Bewohner des Berglandes von Dagestan lieben, und nicht nur in Tiflis, sondern auch in Kasan erscheinen immer neue Ausgaben, die sich dem türkischen Volksbuche anlehnen. Nach Nikolaj Katanoff in Kasan ist Nasreddin sogar bei den Tarandschi an der sibirisch-chinesischen Grenze bekannt61, und daß ihn auch die Perser kennen, haben wir schon gesehn. Freilich wechselt er dabei seine Volkszugehörigkeit: im Kaukasus ist er ein Tscherkesse, in Kasan ist er ein Tatare, in Persien ist er ein Perser, so wie er in Serbien ein Serbe geworden ist. Darum spiegeln die Schwänke, die in den verschiedenen Ländern an ihm haften geblieben sind, den Humor dieser Völker ab; am deutlichsten ist das Bild natürlich bei den Türken, wo er den Nationalheros des Witzes darstellt: dort bilden die Nasreddinschen Schnurren nicht nur einen Unterhaltungsstoff in den Kaffeehäusern und bei den Abendgesellschaften, sondern sie dienen auch in den Pausen der Gerichtsverhandlungen zu willkommenem Zeitvertreib; die Kinder erzählen sie schon einander, und die Erinnerung an sie wird durch zahlreiche Sprichwörter62 lebendig erhalten.