„Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr“, sagte Mariechen; dann schwieg sie nachdenklich still, während ihr Brüderchen fortfuhr:
„Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs – wir können niemals etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.“
„Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt Onkel Robert arbeiten muß und daß er sich fast nicht um seine Kinder kümmern kann.“
„O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht gut für sie!“
„Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; denke doch daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie schrecklich es wäre, wenn wir unsere Mama nicht mehr hätten!“
„Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt – vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!“ Bei diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an zu fließen.
„Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!“ Mariechen sprang auf und zog ihr Brüderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten Plätzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nähe ihre Mutter und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen hielt ihn fest und sagte: „Geh' du nur gleich zu Mama – ich nehme inzwischen Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.“
Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto und Rudi entstanden war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, dann sagte sie:
„Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß Otto und Lilly nicht nett mit Rudi sind.“
„Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?“ rief Mariechen eifrig. „Was mögen sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert uns ja alle gern, aber doch ganz besonders den Rudi – er weiß, daß der Rudi Spöttereien nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß Rudi ihm nichts tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat – aber wenn dann Otto gar nicht aufhört und nur immer ärger kommt, dann bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bißchen fest dreinschlägt; dann gibt's aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie du es vorhin gehört hast, und die ganze Familie gerät in Aufregung, weil Otto doch keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet, es sei ihm entsetzlich übel; als ich ihm aber ein großes Stück Kuchen brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto plötzlich wieder gesund. Und Lilly hält zu Otto – bei sich zu Hause streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen. Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen, denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist.“