„Ich will aber lieber mit den Buben gehen!“ erklärte Anna Wulff.

„Wir bedanken uns für die Ehre!“ rief Paul abweisend. „Wir brauchen dich nicht!“

„Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, ein ganz abscheulicher Bub!“ zankte Anna sehr beleidigt, und als nun Paul seine Mütze abzog und eine tiefe Verbeugung machend sagte: „Ich danke verbindlichst für diese Schmeicheleien“, da erklärte Anna entschlossen: „Und ich geh' doch mit euch Buben!“

Aber die Mutter rief mahnend: „Kinder, ihr werdet doch hier keinen Streit anfangen! Mir scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer schlimmsten Seite zeigen.“

Paul und Anna ließen die Köpfe ein wenig hängen, aber Annas Schelmengesichtchen zeigte bald wieder den gewohnten fröhlichen Ausdruck, und sie gesellte sich zu ihrer Cousine Mariechen und zu klein Toni, halblaut vor sich hinsingend:

„Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär'!
Das ist doch recht fatal!
Dann ginge ich zum Militär
Und würd' ein General!“

Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren Zwischenfall.

Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt hatte, galt ihr erster Besuch dem Kinderzimmer, um den bald vierjährigen Leo zu begrüßen und die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. Minnichen war noch keine zwei Jahre alt, und Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es tat erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: „Komm, du Goldkäferchen, komm mal her zu Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!“ da näherte sich die Kleine, zuerst zwar etwas schüchtern, aber bald ganz zutraulich, und es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf Tante Tonis Schoß bequem gemacht, und sie ließ sich das eben erhaltene Biskuit munden, aber nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten und auch dem danebenstehenden Brüderchen, obwohl dieses selbst sehr mit Kauen beschäftigt war. Dazwischen erklärte der kleine Leo mit wichtiger Miene: „Du mußt wissen, Tante, daß ich Leo heiße, und ich lehre das Minnichen jetzt sprechen. ‚Mama‘ und ‚Papa‘ kann es schon sagen, aber ‚Leo‘, das bringt es noch nicht fertig; es kann nicht ‚l‘ sagen und macht immer ‚neh‘ und ‚noh‘. Der Name ist vielleicht zu schwer, und ich will's mal mit ‚Toni‘ versuchen.“ Dann sich schmeichelnd an sein Schwesterchen wendend fuhr er fort: „Komm, Minnichen, sag' mal schön ‚Toni‘, dann kriegste auch was von mir!“

Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach eben keine Lust zum Lernen; es lachte nur, und den Rest seines Biskuits mit dem einen Händchen in die Höhe haltend, patschte es mit dem andern aufs Bäuchelchen.

„Das soll heißen, 's wäre sehr gut“, erklärte Leo der Tante.