„Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!“ Und triumphierend drängten sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in ernstem Ton:
„So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls mit – er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben – wenn du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.“
Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort – aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und einmal hörte Mariechen, wie er sagte: „Aber daß du schweigst, Lilly, daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!“ Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: „Ich hab' dich doch noch nie verraten!“
Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus:
„O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen – das haben wir auch früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.“
Sie stimmte an: „Salve Regina, Reinste aus allen.“ Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit:
„Hilf uns, Maria!
Maria, hilf!“
Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen.
„Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?“ bot Rudi sich an. „Das kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.“
Tante Toni lachte: „Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst dich auch nicht so anstrengen.“