Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig: „Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.“

„Aber was fällt dir ein, Philipp!“ rief Anna mit gutgespielter Entrüstung. „Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?“

Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen.

„Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen“, rief Mariechen; „auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!“

„Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!“

Tante Toni lachte: „Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!“

Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte.

Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante Toni halb lachend, halb ärgerlich: „Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!“

Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: „Ich weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder zu Hause sein werden.“

Tante Toni nickte lächelnd: „Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal, darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in einer richtigen Einöde.“