„Noch lange?“ fragte der Vater.
„O, nicht so sehr“, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken:
„Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?“
Otto schüttelte den Kopf.
„Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.“
„O Papa!“
„Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen – mein Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das tun?“
Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her, mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern nicht verklagen, das wußte er.
Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb abgewandtem Gesicht: „Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht mehr betrüben.“
Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie betrübt: „Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir trotzdem – du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber Otto.“