Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend. Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: „Tante, weißt du noch, gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr aushalten!“

Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit sanftem Vorwurf sagte: „Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das einzige, was uns helfen und erleichtern kann.“

„Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich, wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht, nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!“

„Ja, Otto – ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen – komm, laß uns beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!“

„Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt, wie es war – und jetzt! Ich möcht' es ihm ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch – ich kann doch nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir doch, was ich tun soll!“

Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: „Ich hätte deinem Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester Trost in allem Leide sein.“

„Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?“

„Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals verschieben.“

„Dann komm, Tante, geh' mit mir.“

„Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und bete unterdessen.“