Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte.
„Vater!“ sagte dieser leise bittend.
Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber gütig: „Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?“
Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld, so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte stillschweigend zu – manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte der Vater ihn ermunternd an und sagte: „Sprich nur weiter; habe Mut und sage alles.“
Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie legend fügte er hinzu: „Vater, lieber Vater, du sollst sehen, ich werde nun anders werden – ich verspreche es dir und dem lieben Gott. O könnt' ich doch nur – könnt' ich alles wieder gutmachen! O mein lieber, guter Vater!“
Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. „Ich danke dir, Kind, für dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe – aber dein Mut und deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' zur Ruhe, mein liebes Kind – lege dich schlafen.“
„O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!“
„Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem erleichterten Gewissen – und besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn – Gott segne dich!“ Und der Vater küßte den Sohn auf die Stirne.
Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und mit Vertrauen.
Nach dem Gebete sagte Tante Toni: