„Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben Gott überlassen.“

„O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?“

„Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir sehen.“

Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das schreckliche Papier. „Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier ist, von dem so viel abhängen kann!“ Wie hatte der Vater gesagt? „Mehr als mein Leben – meine Ehre!“ Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst – das Gefängnis! – Sein lieber, edler Vater unschuldig im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! – Nein, das war gar nicht auszudenken – das konnte er nicht ertragen. „Ach, hätt' ich doch gefolgt“, stöhnte er, „hätt' ich doch den Stein und die Papiere nicht angerührt – so wäre das alles nicht passiert!“ Und Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: „Ach, lieber Gott, hilf doch! Ich bitte dich, hilf – ich will ja auch ein ganz anderer Bub werden, ich versprech' es dir – o hilf uns doch, lieber, allmächtiger Gott!“

Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken – ob er nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! – Tante Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last, die ihm auf dem Herzen liegt – er kann's nicht mehr ertragen – er richtet sich auf in seinem Bett – ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch!

Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht – aber Tante Toni kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing sich an ihren Hals und rief schluchzend:

„O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich ins – ins Gefängnis kommen!“

Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er es aussprach.

„Nein, nein“, beschwichtigte ihn Tante Toni, „davon ist keine Rede.“

„Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?“ Otto jubelte beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf.