„Du bist noch zu jung, Otto“, sagte sie; „ich kann dir die Sache nicht genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor, das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu haben – und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage bereitet – und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.“
Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.
„Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?“
Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: „Der Papa ist nicht – an mein Bett gekommen – um mir ‚Gute Nacht‘ zu sagen – und es hat niemand mit mir gebetet – und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben geweint hat – und ich war ganz allein – und ich bin so traurig – und ...“ Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus.
Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war, fragte sie: „Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?“
Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das Köpfchen: „Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch nicht schlafen.“
Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: „Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht ‚Gute Nacht‘ gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater so lieb.“
Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein über sein Gesicht – aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh, und er sagte:
„Arme kleine Lilly, arme Kinderchen – es ist ja für sie, daß ich meinen Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.“
Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich.