„Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich gar nicht wieder kennt“, sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; „du bist auch so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?“
„O, ich möchte ganz gern wieder mal krank sein“, meinte Lilly nachdenklich.
„Was, du möchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafür! Das darf man ja überhaupt gar nicht wünschen.“
„O, das ist aber doch so schön! Dann kommt Papa sich manchmal an mein Bett setzen, und diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir.“
„Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht angenehm; es tut gewöhnlich recht weh.“
„Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe, der mich recht lieb hat!“
Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie: „Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen käme, falls du wieder mal krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie ich das letztemal hab' laufen und springen müssen; zehn Arme und zehn Beine hätte ich brauchen können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie recht.“
Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie: „Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten und du wolltest fort.“
„Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir nicht gute Worte gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne sich doch nicht auch noch um den Haushalt kümmern. Aber was schwätz' ich denn da? Davon verstehst du ja doch nichts!“
„Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich weiß auch, daß du eine vorzügliche Haushälterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du keine blaue Bohne.“