„Ja, Tante, ja!“ Und Lilly trocknete ihre Tränen. „Aber bitte, laß mich noch einmal hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!“

„Lieber nicht“, meinte der Vater besorgt, „es regt dich nur wieder auf. Sei folgsam und komm' nun heim.“

Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß er schwankend wurde und wohl nachgegeben hätte; aber Tante Toni sagte: „Wenn man einen guten Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich mit der Ausführung beginnen, und wer ein braves Kind werden will, muß vor allem aufs erste Wort gehorchen.“

Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimführen.

Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurückkommen; Tante Toni holte sie selbst ab und führte sie in den Saal unten, der in eine Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen grünen Pflanzen und brennenden Kerzen – ein Kreuz lag auf ihrer Brust, und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Händchen geschlungen. Der ganze Anblick war so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß Lilly gar nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete:

„Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und grüße mir tausendmal meine liebe Mama im Himmel!“


Neuntes Kapitel.
Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große Tag und Ottos Entschluß. Auf Wiedersehen!

Am nächsten Tage, während Herr Mehring und Otto Tonichens Begräbnis beiwohnten, saß Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im Zimmer. Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strümpfen und Wäsche beschäftigt war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich still war.