Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern Kinder sich wie tröstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob die Mutter das Haupt, und sie sagte: „Lasset uns dem lieben Gott danken, daß er unserer lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich grüßen, jedes hat sie noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.“
Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts mehr als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.
Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran, wie glücklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur Lilly stand eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit großen Augen auf die kleine, regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich über die Tote beugend bat sie: „Tonichen, du hast mir ja nicht ‚Adieu‘ gesagt – mach nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an und sag' mir, daß du mir nicht mehr bös bist wegen neulich – du weißt schon, Tonichen! Hörst du mich nicht? – Tonichen!“
Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos – jetzt erst fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heißt: tot sein – sie hatte es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. Beim Tode ihrer Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie Entsetzen, und sie schrie plötzlich auf: „Toni – Toni, sei doch nicht tot! Du sollst nicht tot sein – ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel lieber als du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! Komm, Toni – komm', wach' auf!“ Und Lilly umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr zurück – wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! – Es durchschauerte Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand allmählich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzählte, wie klein Toni sie grüßen lasse: „Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen, Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mütterlein im Himmel von dir und von Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hülle – ihre liebe kleine Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich glücklich und selig.“
„Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr sprechen!“ klagte Lilly.
„Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch einmal in den Himmel kommen!“
„Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, ich hab' schon so oft gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie mehr zu lügen – und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel!“
„O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon für dich beten und bitten, daß du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du mußt nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, daß es gar nicht so schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert hat!“
„Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei mir bliebest, Tante Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...“ Und bitterlich schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm.
„Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster heiligen Kommunion“, tröstete die Tante, „und wenn du jetzt schön brav bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir hinüber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's früher getan habe, als du noch klein warst – willst du?“