Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der Priester ihr das hochwürdigste Gut reichte, und ihre Wangen röteten sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Händchen, ihr Gesichtchen war wieder ganz blaß geworden, und ihre Augen waren geschlossen, so daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete, diese leise fragte: „Ist die Toni jetzt schon ein Engel?“ Statt aller Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus.

Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich, während der Vater und die übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.

Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurück, und als Frau Wulff sich etwas später über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: „Wie fühlst du dich, mein Kind?“ da antwortete klein Toni lächelnd: „Wohl, o so wohl!“ und als sie dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da hatten diese einen Ausdruck, als ob sie schon über alles Irdische hinaus in eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie die Händchen auf die Brust gepreßt, als wollte sie den lieben Heiland da drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. –

Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr aus der Schule kamen, da fanden sie alle Fensterläden geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, so daß sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der schien auf sie gewartet zu haben.

„Hast du die Türe aufgemacht?“ fragte Kurt in strengem Ton. „Du weißt doch, daß dir das verboten ist, und ...“

Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: „Pst! Jetzt ist unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden.“

„Wie, ist sie tot?“ riefen die drei Kinder bestürzt aus.

„Ja, ganz tot gestorben“, bestätigte Leo und nickte mit dem Kopf. „Aber sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schläft ganz fest.“

Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm Leo mit sich, während Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fußspitzen auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Türe erschien und ihnen winkte.

„Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!“ flüsterte Anna, auf ihr Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen dalag – so weiß, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich eines nach dem andern über das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal das kalte Händchen zu küssen.