Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in etwas ärgerlichem, erregtem Tone, als er jetzt sagte: „Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst du denn hin? Mein Haus hier ist groß genug für uns alle, und es soll das Haus meines alten Vaters sein. Und“, nun klang die Stimme weich und bittend, „du weißt ja, Toni, wie nötig wir dich haben, meine Kinder und ich; versprich mir, daß du mit dem Vater zu mir ziehst.“
„Gern, Robert, gern – aber laß das noch ein Geheimnis sein, bis alles fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für die Kinder.“
Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was für ein schönes Geheimnis sie nun wußte! Da mußte man freilich brav sein, um so etwas zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein wieder hell und fielen ihr nicht gleich wieder zu vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht, als sie ausrief: „Papa, Tante Toni!“
Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: „Gott sei Dank! Nun wird unser Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er heimkommt!“
Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurückgekehrt, zu seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung.
Ach, was war das für eine schöne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzählte; unter Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie verwöhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen konnte.
„Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker“, riet Rudi, als er den Vogel brachte. Und als Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des Käfigs schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie er: „Danke, Lilly, danke schön!“
War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, daß er dem Star gerade das beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den hatte sie früher gar nicht leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht mehr.
„Eile dich, gesund zu werden, Lilly“, sagte Otto, „du mußt doch dabei sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe.“ Und Lilly eilte sich so gut, daß sie wirklich an diesem schönen Tage im neuen weißen Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte.
Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys Herzchen erzitterte, als Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie: „Nächstes Jahr komme ich dran!“ Und nun mußte sie wieder an die liebe kleine Toni denken. Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria, Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Tränen – und doch sah sie nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier neben Lilly kniete, der wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach seinem Abendgebet: „Liebe heilige Toni, bitte für uns!“ Und Lilly fand, daß er ganz recht hatte, so zu beten.