Zu alledem aber, wird man einwenden, hätte eine einfache Zeichnung mit der Feder oder dem Stift auch gereicht. Am auffallendsten seien doch gerade die Farben, die malerischen Zusammenhänge, wie sie sonst nicht bei Dürer wiederkehren. Allerdings wird hier die ganze Frage am brennendsten. Warum steht Dürer mit diesen Aquarellen so isoliert unter seinen Zeitgenossen, und warum hat er, wenn ihm wirklich eine Landschaftskunst, losgelöst von Historie und Porträt, am Herzen gelegen hat, kein einziges ausgeführtes Bild in Öl oder Tempera hinterlassen, wie wir sie von Altdorfer und der Donauschule kennen?
Die Beantwortung dieser Frage führt weit in die Probleme der deutschen Renaissance hinein. Dürer hat wahrscheinlich nie an eine absolute Landschaftskunst gedacht, er war viel zu sehr in Anspruch genommen von dem Hauptproblem der Zeit, dem Menschen und seinem Verhältnis zu Gott und der Welt. Wäre er reiner Naturalist gewesen, so hätte er sich der Landschaftsmalerei zugewandt, zumal sein Interesse und seine Liebe allen Dingen der Natur gegenüber außerordentlich groß war. Die Gründlichkeit und Sachlichkeit bei allen Naturstudien entspringt bei Dürer nicht einem naturalistischen Verlangen, das sich mit der objektiven Wiedergabe sichtbarer Tatsachen zufrieden gibt. Hinter alledem steckt bei ihm der bohrende Trieb nach Erkenntnis. Den Grund aller Dinge zu finden, die Wahrheit zu finden, zur Klarheit über das Sein und seine Probleme zu gelangen, war ihm tiefinnerstes Bedürfnis. Seine mikrokosmischen Studien, gezeichnet oder farbig, führten ihn als Künstler an die Zusammenhänge heran. Wenn er, um ein Grenzbeispiel zu wählen, auf einem Blatte die Morgendämmerung festzuhalten sucht, lagen bei ihm gewiß Absichten erkenntnisverlangender Art vor. Gerade vor einem solchen Blatte, dessen malerische Qualitäten zu verlockenden Perspektiven im Schaffen Dürers führen könnten, hüte man sich in den gegenteiligen Fehler zu verfallen und an Stelle von Naturalismus von Stimmungsmalerei, von Romantik zu sprechen. Dürer ist nicht der Vorläufer von Caspar David Friedrich gewesen und hätte es seiner ganzen Veranlagung nach nie werden können, auch wenn er formal weiter malerischen Dingen nachgegangen wäre. Die Versenkung in die Landschaft, die sie zum Träger seelischer Funktionen macht, kennt er nicht. Als Beweis betrachte man einmal die Landschaften der Apokalypse. Die Münchener Apostel, Dürers tiefstes Bekenntnis, stehen vor schwarzem Grund. Hier ist für Landschaft kein Raum. Wie anders Grünewald und Altdorfer!
Unter dieser Erkenntnis erleidet die Schönheit der Aquarelle keine Einbuße. Im Gegenteil, je häufiger und intensiver man sich vor dem unscheinbarsten Blatte den Mann in den Sinn ruft, der dies schuf, je tiefer man durch das Einzelne in die Persönlichkeit Dürers dringt, um so reicher wird die Bewunderung sein für die knappe Art des Sehens, die Frische und Unmittelbarkeit der Beobachtung und Niederschrift, für die Kühnheit der Farben und Leichtigkeit des Strichs. Gerade solche Blätter wie die Landschafts-Aquarelle, die etwas abseits von den großen Arbeiten liegen, müssen unser Entzücken hervorrufen, sind wir Deutsche doch stets geneigt, individuellen Äußerungen nachzugehen. Und nichts begeistert uns mehr als eine große Persönlichkeit, deren umfassendes Streben sich uns bis in die kleinste Studie offenbart.
Dr. Oswald Götz.
Nürnberg
Häusergruppe von St. Johann bei Nürnberg