Nicht zu vergessen bleibt immer, daß der Hufeisenbogen von den Arabern aus der westgotischen Verlassenschaft übernommen, nicht etwa mitgebracht wurde, wie auch manches andere künstlerische Motiv. Schon an spätrömisch-westgotischen Grabsteinen kommt er in Gesellschaft des germanischen Kristallschnittes häufig vor ([Abb. 106]).
Abb. 106. Leon. Museum. Römisch-westgotische Grabsteine.
Darum wissen wir auf den ersten Blick westgotische und älteste spanisch-arabische Architektur nur schwer auseinander zu halten.
Merida
Auch Merida, die alte Hauptstadt Lusitaniens (einst die prächtige Augusta Emerita), war berühmt durch ihre vielen Kirchen und stattlichen Bauwerke; die Chronik Roderichs sagt, daß sie zu dessen Zeit (713 fiel sie den Arabern in die Gewalt) 84 Tore, 5 Schlösser und gar 3700 Türme gehabt habe. Ist dies auch phantastische Ausschmückung, so wird man immerhin auf eine umfassende Bautätigkeit in westgotischer Zeit in Merida schließen müssen. Die ganze trümmerreiche Stadt steckt heute noch voll von Resten aus jener Zeit, wenn auch die Araber unter Musa nachher dort eine glänzende Hauptstadt rein orientalischen Charakters erstehen ließen. Allerdings war schon den Westgoten das riesige dortige Römerwerk, von dem noch jetzt Tempelreste, Theater, Zirkus, Brücken und Aquädukte übrig sind, ein bequemer Steinbruch gewesen; trotzdem muß zu ihrer Zeit hier eine ganz neue Art von Bautätigkeit sich entfaltet haben, an deren Werken uns die besondere Stilisierung auffällt, deren Ausläufer wir, da Merida die Hauptstadt auch des westgotischen Lusitaniens blieb, bis nach Lissabon hin finden.
Davon sind vor allem die mannigfaltigen Reste von Steinarbeiten im Museum Zeugen. Darunter fallen gewisse Stützen auf, Pilaster, in deren Vorderfläche kleinere Halbsäulen hineingetieft sind, aus deren vierkantiger Masse der Schmuck, Blätterkränze der Kapitelle, Zierat jeder Art so herausgearbeitet ist, daß die Plastik überall nur durch Vertiefung des Grundes in den ursprünglich glattvierkantigen Stein erreicht ist.
Ganz zu verstehen ist dies merkwürdige Verfahren nur dann, wenn wir uns die glatten Steinbalken, wie die Balken eines Fachwerkbaus, bereits in die Wand hinein vermauert denken und uns weiter vorstellen, daß der Bildhauer nun erst den Schmuck in die Fläche des Pfeilers hinein zu hauen hatte. So sind die Steinpilaster des 6. Jahrhunderts in Merida manchen Holzständern der geschnitzten Fachwerkbauten des 16. Jahrhunderts in Hildesheim und anderwärts völlig ähnlich. Vielleicht das merkwürdigste Beispiel für den holzgeborenen Charakter der germanischen Steinarchitektur, und der schärfste Beweis für die Konstanz der künstlerischen Richtung innerhalb der Rasse.
Auch an verschiedenen anderen Gestaltungen reich ist das in Merida an Resten noch Vorhandene. So sehen wir allerlei Freistützen, gewundene Säulen mit Kapitellen, die in holzmäßiger Umgestaltung noch die römischen Vorbilder nachzuahmen suchen, aber auch vierkantige Pfeiler, deren Flächen von eigentümlich geformten Kreuzen eingenommen werden, und deren Kapitell reine Holztechnik ausspricht (s. [Abb. 46]), — eine Stütze, die ähnlich auch in Toledo daheim ist. Dann aber Reste von Schranken (cancelli), den gleichzeitigen langobardischen in Italien (Aquileja) sehr nahe verwandt, die mit einer Einteilung in quadratische, mit Tiergestalten gefüllte Kassetten geschmückt sind, darüber Muscheln in Bögen und Dreiecken; alles rein vertieft in die Fläche, wie wir es aus dem Osten kennen.