Abb. 122. Tuñon. S. Adriano.
Abb. 123. Priesca. S. Salvador.
Alle Formen zeigen einen neuen von der Antike abgewandten Sinn, nichts von der gleichzeitigen karolingischen Rückkehr zum Römertum; derbe natürliche Bildung, die uns beweist, daß der zimmermännische Geist der alten Goten noch fortlebte. Aber auch die konstruktive Anlage ist wertvoll: je drei Tonnengewölbe nebeneinander in Schiff und Chor, die vertikal auf das Querschiffgewölbe stoßend, dessen Druck aufheben, ihrerseits durch Strebepfeiler der äußeren Schiff- und Chorwände gestützt. Im Grundriß ist die Breite des Mittelschiffes auffallend, das jederseits durch nur drei Bögen auf rechteckigen Pfeilern mit den Seitenschiffen verbunden wird; zwei Pfeiler sind in den Vierungsbogen am Querschiffe zur Verkleinerung dieses Bogens eingestellt.
Tuñon, Priesca
Ähnliche Kirchenanlagen, doch einfacher, finden wir in der Umgegend von Oviedo; so in S. Adriano de Tuñon ([Abb. 122]), in den Kapitellen übereinstimmend mit S. Tirso zu Oviedo; die jüngste dieser Kirchen ist S. Salvador in Priesca; überall die drei rechteckigen Nischen des Chors, von denen die mittlere ringsum an den Wänden mit Blendarkaden auf Halbsäulen geschmückt ist, das Mittelschiff meist mit offenem Dache und nur drei Bögen nach den Seitenschiffen zu, also sehr kurz; westlich eine mittlere Vorhalle zwischen zwei Räumen vor den Seitenschiffen ([Abb. 123]). — Wir müssen daher eine ausgebreitete systematische Bautätigkeit des Königs Alfonso II. während seiner fünfzigjährigen Regierungszeit annehmen, die in den Kirchen zu einem ganz klaren Typus geführt hat.
Es kann dahin gestellt bleiben, ob diese Kirchenform aus dem Osten, wo ähnliche Anordnungen vorkommen, hierher übertragen ist oder ob sie sich hier von selber auf ähnlicher Grundlage entwickelt hat. Die Hufeisenform der Bögen verschwindet im 9. Jahrhundert. Die hier verbreitete Mehrstöckigkeit der Ostapsiden aber tritt auch mehrfach in Syrien auf.
Wir finden den Westgoten Tjoda als den Baumeister Alfonsos II. urkundlich beglaubigt, wissen sogar von ihm, daß er bei wichtigen Aktionen auch sonst eine Rolle spielte, überhaupt eine einflußreiche Persönlichkeit gewesen zu sein scheint[44]. Da ihm der größte kirchliche Bau, der Dom, anvertraut war, so liegt aller Grund vor, ihm auch kleinere zuzuschreiben; die Einheit des Typus der Kirchen Alfonsos wird daher wohl in der persönlichen Kunstrichtung Tjodas und seiner Genossen begründet sein; und wir haben das Recht, diese Bauwerke, seien sie selbst vom Orient nicht ganz unabhängig, als germanisch-westgotische zu bezeichnen.
Die beiden Nebenräume des Chors sind öfters stark geschieden, manchmal nur durch eine türartige Öffnung von der Kirche aus zugänglich, nicht in einem Bogen geöffnet; man denkt dann unwillkürlich an die an den spätbyzantinischen Kirchenanlagen so üblichen Nebenräume des Chors, die Prothesis und das Diakonikon, die Räume für Kirchenkasse und Bibliothek (kurz ausgedrückt). Es ist überhaupt auffällig, wie stark diese Unterteilungen, auch die neben der Westvorhalle, der Regel nach von dem eigentlichen Kirchenraum getrennt zu sein pflegen.
S. Miguel de Lino