Abb. 182. Bradford-on-Avon.
Die Türme sind fast alle rechteckig, ohne Spitze, den langobardischen in der Masse nahestehend, doch von selbständiger Durchbildung; an runden fehlt es jedoch auch nicht ganz, die dann manchmal als Apsiden zu dem Kirchenraum hinzugezogen, hufeisenförmigen Grundriß ergeben (Wilton, Bessingham).
Von Profanbauten scheint nichts mehr übrig zu sein. Doch soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Kapelle zu Deerhurst, ein der Apsis (heute?) entbehrender Langbau, in einer Inschrift von 1056 „royal hall“ genannt wird, also vielleicht ein bescheidenes Gegenstück zu jener spanischen Königshalle zu Naranco gebildet haben könnte. Das muß nach genauster Untersuchung vorbehalten bleiben.
Was nun die technischen und formalen Besonderheiten der sächsischen Bauweise anbelangt, so prägen sich diese an ihren wenn auch bescheidenen Werken stets höchst deutlich aus. Das ist schon darin begründet, daß stammliche Eigentümlichkeiten in dem abgeschlossenen Inselreich ungehinderter durchzudringen vermochten, und daß fremder Einfluß, mit Ausnahme desjenigen aus nahegelegenen germanischen Gauen seit der karolingischen Zeit, sich auf die Dauer kaum mehr fühlbar machte. Anderseits aber hat in England die Pietät der späteren Geschlechter jene kleinen und unscheinbaren Baulichkeiten doch weit besser über das Jahrtausend hinaus geschützt, als das in anderen Ländern möglich war, die an der Heerstraße gelegen stets von neuen kriegerischen Durchflutungen heimgesucht wurden. Es ist bedauerlich, daß in jener Epoche gerade in England kein Bauwerk von größerer Bedeutung oder reicherer Ausstattung erstanden ist, das sich unter so günstigen Umständen leicht bis heute hätte retten können.
Greenstead
Immerhin gibt es des Bemerkenswerten noch genug. Vor allem den einzigen sicheren Rest einer Holzkirche aus so ferner Zeit: das Schiff der Kirche zu Greenstead.
Wenn dieses Bruchstück nun auch keine architektonischen Formen aufweist, so ist es doch schon durch sein bloßes Dasein wichtig. Chor und Turm sind später erneuert oder angebaut; das Schiff ist ein einfach rechteckiger Raum von etwa 8 × 5 m lichter Weite. Seine Wände bestehen aus aufrechtstehenden halbierten Baumstämmen, mit der runden Seite nach außen, ursprünglich nur auf einer Fußschwelle eingezapft und durch eine Oberschwelle mit Holznägeln zusammengehalten. Der Eckbaum ist natürlich nicht halbiert, sondern es ist nur ein Viertel herausgenommen. Die Fugen sind von hinten durch Leisten gedeckt. Der jetzige Backsteinsockel ist neu.
Diese aufrechte Blockkonstruktion ist ja die primitivste von der Welt. Doch mag dies damit erklärt sein, daß die Kapelle ziemlich sicher die ist, die man 1013 zur vorübergehenden Aufnahme der Leiche von St. Edmund errichtete. Daß andere Kirchen vom Zimmermann aufgeführt wurden, ist bezeugt genug; sie müssen für bedeutsamere Zwecke bestimmt auch weniger rohe Konstruktionen gezeigt haben. Die norwegischen (jüngeren) geben Muster dafür, wie dies möglich war. Jedenfalls haben wir hier ein hölzernes kirchliches Bauwerk noch aus der angelsächsischen Zeit vor uns, eines der spätesten und geringwertigsten, doch als das letzte seines Stammes uns ehrwürdig.
Technische Besonderheiten
Die technischen Eigentümlichkeiten der Angelsachsenbauten sind denn, wie die kontinentalen germanischen, vom Holzbau stark beeinflußt. Allerdings sind Lisenen oder Wandstreifen (strips) wohl nicht dazu zu rechnen, vielmehr als eine überall verbreitete Wandgliederung — Pilaster — zu bezeichnen. Auch die doppelten oder mehrfach gekuppelten Fenster auf dünnen Mittelsäulen sind wohl vom Kontinent herübergewandert, wo wir sie schon bei den Langobarden aus dem Holzbau entstehen sahen.