Daher sollen die folgenden Studien zeitlich erst mit der Völkerwanderung beginnen, die freilich ihre Vorboten schon vor Christi Geburt nach Süden sandte, dann fast unbemerkt in der gewaltigen Wanderung der Ostgermanen nach dem Schwarzen Meere ihre erste beinahe mächtigste und folgenschwerste Vorwärtsbewegung begann.

Damals hatte längst die südliche Kultur und Kunst der Etrusker, Griechen, Römer ihre Boten nach dem Norden, hatte dieser in regelmäßiger Wechselbeziehung des Handels seine Produkte nach Süden gesandt, hatte also der Norden und das Germanentum bereits Gelegenheit und Zeit gehabt, solches fremde Wesen wenigstens in denjenigen Äußerungen sich zu eigen zu machen, die ihm selbst zur Förderung seines eigenen willkommen waren. Neue Stoffe, insbesondere Metalle, neue Techniken, neue Formen, Kostbarkeiten und Schmuck, Kleidung, Gefäße und was alles sich hier eignete, förderten das bisher wohl anspruchsloseste Dasein im Norden auf immer lebhafter begangenen Handelswegen; insbesondere längs des Laufes der Flüsse.

Und da erstand dann jene gewaltige innere Kunstentwicklung, deren Zeugen die germanischen Gräber der in Frage stehenden Jahrhunderte darstellen. Nicht etwa in einfacher Nachahmung des aus der Ferne Gebrachten, sondern jetzt in stolzer Förderung des Eigensten. Es ist erstaunlich, wie verhältnismäßig wenig Fremdes hier auftritt oder gar sich dauernd erhält. Nur mächtigen Anstoß gab der Import, den man wohl zuerst nachahmte, so gut und so schlecht es ging, den man aber ganz außerordentlich rasch durch Eigenes ersetzte oder in solches umformte.

Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die germanischen Kleinkünste sich niemals charakteristischer und — trotz so mancher fremden Grundlage — selbständiger entfalteten als etwa vom dritten Jahrhundert nach Christi Geburt ab bis zum achten. Von da ab erstarben sie langsam wieder unter fremdem Einflusse und dem Drucke allgemein herrschend gewordenen, insbesondere durch die Kirche propagierten neuen Geschmackes.

Auch auf seiten der Baukunst, zunächst natürlich ausschließlich der Holzarchitektur, in der Folge auch in anderen Baustoffen sich betätigend, ging in jener Zeit ein gewaltiges Ringen und Streben mit dem in der Kleinkunst parallel.

Wenn dann später bis zur Karolingerzeit ein neuer und verstärkter Einfluß der Antike, der Kunst Italiens und des Hellenismus, nicht minder selbst des Syrertums ganz Europa überflutete, wenn durch ihn die nordische Art langsam erstickt schien, so wirkte diese, noch allzu stark und allzu verbreitet in germanischen Gauen, in der Stille lange unbesiegt weiter. Die folgende Epoche in der Kunst, die wir die romanische zu nennen pflegen, ruht ganz wesentlich auf jenen älteren germanischen Unterströmungen, die wir immer aufs neue wieder durch- und hervorbrechen sahen, trägt ihren Namen daher kaum ganz mit Recht; zu jener Zeit, selbst noch später können wir eine nicht sterben wollende künstlerische Überlieferung von Formen und Gedanken immer wieder bemerken. So ist es selbst unbestreitbar, daß unsere Holzbaukunst des 16. und 17. Jahrhunderts ihre Wurzel nicht im „Mittelalter“, sondern in viel früheren Zeiten findet, mit denen sie sich fast über ein Jahrtausend hinüber, öfters halb unterbrochen, doch unzerreißbar fest verbunden erhielt. Unsere Holzbaustädte des 16./17. Jahrhunderts sind geistig die getreuen Enkel der deutschen Städte im Beginn des zweiten Jahrtausends und werden sich auch tatsächlich von ihnen gar nicht so sehr unterschieden haben. Jene aber fußten direkt auf uralten Vorbildern; und es ist keineswegs richtig, wenn heute behauptet wird, die Deutschen hätten vor den Sachsenkaisern keine wirklichen Städte gekannt und gehabt. Rühmt doch Venantius Fortunatus (um 560) die schönen Rheinstädte wegen ihrer reichen und feinen Holzbaukunst, die ihm, dem Römer, ganz gewaltig imponierte.

Ferner habe ich oben der Entstehung und weiteren Entwicklung der germanischen Steinbaukunst auf fremdem erobertem Boden gedacht und darauf hingewiesen, daß auch diese hohe nationale Bedeutung gewann und bedeutsame Leistungen schuf.

Notwendigkeit unserer Untersuchungen

Daher ist es wohl nicht nur berechtigt, gerade dieses sich bei näherer Betrachtung auf etwa ein halbes Jahrtausend zusammenziehende Gebiet, welches im Zusammenhange überhaupt noch nicht gewürdigt ist, endlich einmal zu einem ganzen Bilde zusammenzufassen. — Es wird für uns sogar zur gebieterischen Notwendigkeit und Forderung. Vor allem deshalb, weil wir in dieser Zeit und ihren Äußerungen das Germanentum in seiner stärksten Jugendkraft, plötzlich alles Fremde von sich abwerfend, herrschend hervortreten und sein Dasein neu gestalten sehen. Wenn Chamberlain bedauert, daß dies auf den Feldern der zusammengebrochenen fremd-südlichen Kultur geschah, daß die Neugestaltung des nordisch-germanischen Völkertums nicht ganz frei und unbeeinflußt vor sich gehen konnte, weil dann die Welt ganz anderes und Besseres gewonnen haben würde, so mag dies ja richtig sein; doch müssen wir uns eben bescheiden mit dem, was uns gegeben ist. Und wie bemerkt, es ist nicht ganz wenig und dabei viel selbständiger und von viel eigenerer Art, als man wohl glaubte. Denn es kann nicht oft genug wiederholt werden: das Germanentum der Völkerwanderung schüttelte fast in jeder Richtung, sobald es nur konnte, aufgezwungene fremde Art und Fessel ab und versuchte, sich auf eigene Füße zu stellen. Wenn nicht damals Größeres und Dauerndes erwuchs, so lag es sicher nur daran, daß seine Kraft politisch den greisen Künsten der Unterjochten nicht gewachsen war und der Vergiftung und Zersplitterung, der Bekämpfung durch die Waffen der eigenen Stammesgenossen zuletzt unterlag und unterliegen mußte.

Ist doch bis heute noch kein germanisches Volk, am wenigsten das deutsche selber, von innerer Uneinigkeit, Kräftezersplitterung oder wenigstens der Sonderbündelei ganz frei geworden, und sind doch bis heute noch seine schlimmsten Gegner seine eigenen Brüder geblieben. Vereint — endlich alle vereint, würden sie noch heute die ganze Welt in ihren Fäusten zerdrücken können, und, wäre ihnen so Zeit und Freiheit gegeben, auch endlich die geistigen und künstlerischen Taten schaffen können, die nach denen des Griechentums noch dem Germanentum vorbehalten scheinen.