Müssen wir so immer noch auf Wünsche, Hoffnungen, Möglichkeiten verweisen, so ist es uns ein Trost und eine Genugtuung, ein Bild alt-originaler germanischer Art und Kunst vor uns erstehen zu sehen, das, obwohl lückenhaft und zerstückt, doch aufs neue erweist und uns darin bestärkt, daß wundervolle Kerne damals vorhanden waren, Sprossen und Zweige wuchsen und mit Blüten sich schmückten, denen es nur deshalb versagt war, auch reife und herrliche Früchte zu tragen, weil rauhe Stürme und schwerste Unwetter die jungen Pflanzen niederschmetterten und roher Krieger Fuß sie zertrat. Doch unsterblich scheint ihr Wachsen unter der Erde in der Stille weiter gediehen zu sein; immer aufs neue strecken junge Knospen ihre Häupter hervor, und so mag auch hier versucht werden, einen Teil jener Pflänzlein weiter zu hegen und zu pflegen zu neuem Wachstum und neuer Blüte.
[1] Es sei hier betont, daß obigen Bemerkungen nicht etwa irgend eine gewisse Rassetendenz, sondern nur nüchternste Beobachtung einfachster Vorgänge zugrunde liegt. Was in der edlen Tierwelt, so beim Pferde, die sorgfältigste Reinhaltung der Stammbäume an Geschöpfen von wahrhaft klassischer Schönheit und herrlichster Kraft hervorgebracht hat, steht vor aller Augen und beweist uns, daß es nicht zu spät zu sein braucht, noch in zwölfter Stunde, gleiche Grundsätze auch auf das Wichtigste im organischen Leben des Volkes, seine eigene Fortpflanzung mit gleich herrlichem Erfolge anzuwenden. Sollte das Ebenbild Gottes nicht unendlich mehr noch dessen wert sein, was einem nur nützlichen und schönen niedrigeren Geschöpfe an Liebe und Sorgfalt in dieser Richtung gewidmet wird?
Die Gräber
Mehr denn irgendein Volk der Erde hat das germanische in der Erde und den Gräbern geborgen von seinen köstlichsten Besitztümern. Seine ganze Welt fast hat es mit seinen Toten begraben und ihnen mitgegeben; alles, was ihr Leben umgab, erhielt, verschönerte und weihte. Darum, da sich die Gräber öffnen, ersteht das lange Verschwundene aufs neue in nie geahnter Fülle vor uns. Wenn dichtes Gewölk uns früher das Leben und seine Formen bei unsern Vorfahren verhüllte, so tritt das alles heute mehr und mehr ins helle Licht. Und wunderbar: früher wohl erschienen uns die großen Gestalten unserer alten Sagen und Mären eher im Gewande des ritterlichen Mittelalters, heute begreifen wir, daß Nibelungen- und Amelungenlied, ja daß die gesamte epische Poesie, die uns als die des Mittelalters erschien, der viel größeren Völkerwanderungszeit angehört oder auf ihr ruht. Nicht halbgallischer höfischer Minnesang, sondern eigene Heldenlieder aus ganz fernen Tagen bilden jenen herrlichsten Schatz deutscher Dichtung. Und mitten darin prangt die gewaltige Heldengestalt Dietrichs von Bern, Theoderichs des Großen, des Königs der Ostgoten.
Auch nicht im glänzenden Plattenharnisch, als wie zum Turnier gerüstet, sondern in der Ring-Brünne, nicht im finstern federgeschmückten Visierhelm, sondern mit freiwallenden Blondlocken unterm Spangenhelme, mit dem scharfen Speer, dem funkelnden Langschwert und dem Skramasax gewaffnet, den lindenen Randschild am Arm und sonst leicht und frei gekleidet haben wir jene Helden unserer frühesten Vergangenheit zu sehen.
Das und so vieles andere zeigen uns ihre Gräber. Wenn in vorhergehenden Zeiten das germanische Volk seine Toten öfters durch Feuer bestattet hatte, so fügte es ein glückliches Geschick, daß diese Sitte zu Beginn unserer Zeitrechnung langsam erlosch. Seitdem begruben unsere Vorfahren ihre Toten mit aller Pracht und Feierlichkeit, deren man damals fähig war. Wem ist nicht die herrliche Schilderung Platens des Begräbnisses gegenwärtig, das das Westgotenvolk seinem jugendlichen Könige Alarich im Busento gerichtet hat?
Und wie viele Grabhügel, Hünengräber, Königsgräber im Norden und Süden reden von gleichem! Riesige Friedhöfe zeugen von der Pietät und Liebe, mit der die Germanen ihren Toten alles in ihre Ruhestatt mitgaben, was ihnen im Jenseits zur Labe und zum Unterhalt, aber auch zum Wirken, zum Kampf und zum Schutze, zur Pracht und zur Freude dienen mochte.
Da war es nicht nur völlige Kleidung und Körperschutz und Mantel, reichster Schmuck an Spangen, Ringen, Schnallen und anderem, was man dem Helden auf seinem dunkeln Wege ließ, da waren es vor allem alle seine Waffen, Speer, Lang- und Kurzschwert, Dolch und Messer, Helm und Schild, wohl auch Ringpanzer, was man den Helden auch fürder zu begleiten für unentbehrlich hielt.