Was nun die Gebäude selber anlangt, die von jener Zeit noch berichten, so sind sie, wie schon bemerkt und selbstverständlich ist, sehr selten geworden; natürlich fast ausschließlich Kirchen und Kapellen. Von Palästen und Königshallen ist hie und da, ganz vereinzelt, noch ein Rest vorhanden, auch wohl ein Grabmal, von Wohnhäusern aber fast nichts mehr. Den Kirchen ist hie und da die Pietät zustatten gekommen, die ja alle solche Gebäude verhältnismäßig am wenigsten anzutasten gestattete. Doch auch wieder hat jene Pietät oft am allermeisten vernichtet, da sie mit Vorliebe an die Stelle gerade der ältesten und wertvollsten Heiligtümer nachher, sei es in früherer oder späterer Zeit, größere und reichere Bauwerke zu setzen strebte. So hat man noch im Beginn des 18. Jahrhunderts zur Feier des 1000jährigen Jubiläums die Kirche Winfrits zu Fulda abgebrochen und durch einen neuen prachtvollen Dombau im Barockstil ersetzt, wie auch der Kölner Dom, die Notre-Dame-Kirche zu Paris, ja wohl alle großen Kathedralen der alten Germanenstädte an die Stätte ältester Heiligtümer getreten sind. Man muß es tief beklagen, daß die Frömmigkeit, anstatt den neuen Dom neben dem alten zu errichten, überall darnach strebte, ihn gerade genau auf die alte geheiligte Stelle zu setzen, die seither das durch seine Vergangenheit so unendlich wertvolle und ehrwürdige Bauwerk einnahm.
Daher ist uns kein einziges wirklich bedeutendes kirchliches Bauwerk der Germanen aus der Zeit vor Karl dem Großen geblieben[23]; ja beinahe keines, welches älter ist als das 11. Jahrhundert. Nur der Zufall hat hie und da geholfen, wie in Beauvais, wo die neue Kathedrale so ungeheuer und riesenhaft begonnen wurde, daß man am Chorbau anfangend bis zum 16. Jahrhundert nur bis zum Querschiff gelangt ist, und das Langschiff des alten Doms wenigstens, das nach Westen zu so lange noch bleiben sollte, bis sein Platz beansprucht wurde, heute noch steht. Es ist freilich ein kleines Gebäude, arm und unansehnlich, besonders neben jenem riesigsten Bauwerk, das die Gotik je sich zu bauen unterfing, und deshalb basse oeuvre genannt, doch für uns immer noch von hervorragendem Werte.
Die Arabersturmflut hat leider in Spanien das meiste zerstört, was sie vorfand, wo gerade in jenem seither still gewordenen Lande die Bedingungen für eine Erhaltung solcher Werke eher gegeben gewesen wären. Immerhin ist dort einiges in ganz vergessenen Ecken des Landes noch in verhältnismäßig recht gutem Zustande übrig.
Bescheidenheit der erhaltenen Bauten
Was die wenigen erhaltenen Bauwerke nun selber anlangt, so ist es beinahe selbstverständlich, daß wir in ihnen nicht große Leistungen, Typen und Marksteine der Baukunst zu finden hoffen dürfen. Vielmehr ist es gerade durch ihre Stellung als die erster Lebens- und Kunstäußerungen bisher hier untätig gebliebener junger Stämme auf dem Gebiete des Steinbaus gegeben, daß wir in solchen Werken nur tastende Versuche auf unbekanntem Boden für seither nicht gekannte Bedürfnisse, für ein neues Dasein in neugegründetem Reiche zu sehen haben. Dazu sind die bedeutsamsten wichtigsten und reich ausgestatteten Werke alle längst verschwunden; es blieben uns eben keine Kathedralen, sondern fast nur Dorfkirchen. Daher müssen wir uns dahin bescheiden, daß wir an dieser Stelle nicht ganze Systeme von Grundrissen und Aufbauten wie wichtigeren Anordnungen näher entwickeln, wo es sich ja doch kaum um mehr handeln kann, als um Keime einer künftigen Kunst, die aus diesen Versuchen und aus der Übertragung der mitgebrachten Kenntnisse in Holzbau und Kleinkünsten auf die neuen Materialien, Aufgaben und Gestaltungen erst im Laufe weiterer Jahrhunderte zu großen Leistungen gelangte.
Auch an Größe sind sie meist sehr bescheiden. Es liegt nahe genug, daß die neuen Herren in ihren Bedürfnissen noch sehr anspruchslos waren und auch technisch nicht Größenverhältnisse erstreben durften, wie sie den Römern alltäglich waren.
So sind die ältesten germanischen Kirchen fast stets eher Kapellen, ja oft winzig; es scheint, als ob die Hauptmasse der Andächtigen sich vor den Türen versammelt hätte; es gibt selbst Kirchlein, die ringsum offen waren (S. Peterskapelle in Helmstedt).
Immerhin werden wir bei der Besprechung der noch vorhandenen Bauwerke und ihrer Ausstattung wie der einzelnen Kleinwerke, die wir in noch verhältnismäßig größerer Zahl und in vielen Resten vor uns sehen, doch Gelegenheit genug haben zu bemerken, daß überall ein origineller Geist und eine eigene Art des Geschmackes tätig war, daß wieder andere und anders begründete Ansprüche und Bedingungen auf ihre Gestaltung einwirkten und diese beeinflußten, und zwar in einem neuen Sinne und im Geiste einer weiteren Entwicklung oder einer Auffrischung des bereits vergangenen und versunkenen Lebens des südlichen Europas. Ist ja doch die Völkerwanderung zu dem Ausgangspunkte einer völligen Erneuerung der südeuropäischen Völker geworden, und hat sich erst aus dieser neuen Völkermischung jener wunderbare Aufschwung, jene geistige Höhe ergeben, die von Italien, Frankreich, Spanien aus ein weiteres Jahrtausend lang Europa mit den herrlichsten neuen Taten und Geschenken beglückte, an denen ja auch Deutschland in seiner Weise teilnahm. Nur die Balkanhalbinsel und Byzanz haben an dieser Erneuerung nicht teilgehabt und sind seitdem aus dem Kreise der geistig tätigen Länder Europas ganz ausgeschieden, nachdem Byzanz nur mühsam noch eine Reihe von Jahrhunderten ein greisenhaftes Dasein aufrechterhalten hatte.
Bauliche Einzelheiten