In bezug auf die architektonische Durchbildung des Baukörpers der kirchlichen und profanen Bauwerke jener Zeit bleibt uns noch einiges nachzuholen. Zunächst der Hinweis darauf, daß den hauptsächlichsten Schutz des nordisch-germanischen wie des antiken Gebäudes gegen die Unbill der Witterung das Dach verleihen mußte; daß aber das nordische Dach naturgemäß hier viel mehr zu leisten hatte als das im Süden, daher von jeher steiler getürmt wurde. Seit der Zeit des Eintritts der Germanen in die Baukunst ist dann das steilere Dach bewußte und beabsichtigte neue Eigentümlichkeit, insbesondere dann auch des späteren nordischen Kirchenbaus geworden.
Abb. 62. Keltische und deutsche Hausurne.
Ein Blick auf die ältesten Hausurnen bereits belehrt uns, daß das hohe Dach von Urzeiten her bei den Germanen heimisch war; die berühmte Urne von Aschersleben mit ihrer steil emporsteigenden Schilfdeckung, gegenübergestellt einer keltischen ([Abb. 62]), zeigt uns sozusagen schon in der Dachneigung die Rasse. Das blieb so; ein wichtiges Betätigungsfeld für den Zimmermann. Offener Dachstuhl über dem ältesten Hause wie über der Halle und den kirchlichen Räumen forderte sein ganzes Können heraus; davon ist ja nichts erhalten, aber die spärlichen Reste der früheren Holzdeckung in der Moschee in Cordoba, die offenen Dachstühle altchristlicher Kirchen bis zu dem farbigen, gewiß auf frühere zurückweisenden von S. Miniato zu Florenz läßt uns allerlei mit Sicherheit voraussetzen, was da einst üblich und vorhanden gewesen sein muß.
Von S. Eutrope zu Tours wird der reichgeschnitzte Dachstuhl gerühmt; andere Kirchen, wie die Kathedrale von S. Martin zu Tours, besaßen noch Holzdecken, gemalte oder gar vergoldete, darunter.
Nicht weniger im Profanbau; die großen Königshallen wie die Wohnhäuser hatten von jeher offene Dächer, durch deren Mittelöffnung der Rauch des Herdfeuers abzog. — Manches alte nordische Haus gibt uns noch heute solchen Eindruck; nicht minder wohl der innere hölzerne Ausbau der nordischen Hügelgräber, wie etwa der von König Gorms Grab bei Jellinge, von dem sich noch geschnitzte und gemalte Holzplanken erhielten.
Die äußere Deckung des Daches geschah mit Stroh, Schilf, Rasen, Schindeln oder Ziegeln, letzteres in den südlicheren und vorher römisch kultivierten Gegenden, natürlich in Anlehnung an das dort Übliche. St. Vincent zu Paris[24] besaß sogar vergoldetes Kupferdach.
Türverschlüsse
War oben die Rede von Fenstern und Türen, so fand sich dort nicht Gelegenheit, auch von dem Verschlusse der letzteren zu reden. Vorgeschichtliche Hausurnen ([Abb. 62]) schon zeigen uns das Holztor, mit mächtigem Riegel oder Holzschloß versehen; solcher Schutz der Türe war im Norden von jeher unentbehrlich. Miniaturen und alte Manuskripte lehren uns denn, daß die an unseren romanischen Kirchen üblichen Holzplankentore mit schweren Eisenbändern schon früher in Merowingerzeiten, wenigstens im 9. und 10. Jahrhundert vorkamen, was dafür spricht, daß, wenn wir an jenen öfters uraltertümliche Formen finden, wir späte Nachwirkung viel älterer Tradition vor uns haben.
Geschnitzte Türen aus isländischen und norwegischen Kirchen, die ins 11. Jahrhundert zurückreichen, deuten ebenfalls auf uralte Vorbilder im Norden.