Bei Erwähnung dieser Kirche muß auf eine technisch bedeutsame Leistung und Errungenschaft hingewiesen werden, welche den germanischen Architekten jener Zeit, die der karolingischen direkt voranging, hoch anzurechnen ist: die Ausbildung eines eigenartigen Gewölbebaus.
Gewölbebauten
Wie früher bemerkt, vermieden die Germanen das Gewölbe anfänglich grundsätzlich, da es ihnen in ihre Holzbauweise durchaus nicht passen konnte, selbst dann noch, als die Wände der Gebäude bereits massiv geworden waren. Man begnügte sich nach alter Sitte meist mit offenen Dachstühlen oder flachen Holzdecken.
Erst ganz langsam entschloß man sich zur Anwendung von Gewölben, beschränkte sich aber so gut als ausschließlich auf Tonnengewölbe, und zwar auf solche von ganz geringer Spannweite. Kreuzgewölbe scheinen — wenn sie wirklich vor dem 11. Jahrhundert auftreten — durchweg fremder Import zu sein. — Selbst Kuppelgewölbe mied man im allgemeinen.
Doch, nachdem einmal das Tonnengewölbe in den Bereich der anwendbaren Möglichkeiten gezogen war, machte man von dieser Form der Überdeckung mehr und mehr Gebrauch und suchte durch allerlei Kombinationen ihr manches abzugewinnen, was sonst nur durch kompliziertere Wölbformen zu erzielen schien.
Vor allem gilt das wieder für Spanien, wo die letzten Westgoten sich der Tonne in mannigfaltigster Weise bedienten. Es gibt eine ganze Reihe von Kirchen, deren Mittelschiff hochgeführt und mit solchen Gewölben bedeckt ist, teilweise durch Quergurten verstärkt. Dem Seitenschub dieser Gewölbe begegnete man frühzeitig durch Anfügung einer Reihe von Strebepfeilern.
Selbst dreischiffige Kirchen mit drei längslaufenden recht hohen Tonnengewölben kommen vor (Val de Dios, s. [Abb. 137]), das Merkwürdigste und Geschickteste aber auf diesem Gebiete leistete man, indem man die hoch in die Luft geführte Mitteltonne durch niedrigere Quertonnen über den Seitenschiffen stützte (S. Miguel de Lino).
Ähnliche Systeme, auf dem Tonnengewölbe fußend, hielten sich in Südfrankreich noch lange in den romanischen Stil hinein, besonders im Auvergnatischen, auch solche mit stützenden längslaufenden Halbtonnen über den Seitenschiffen. Ein kühner Versuch, auf ähnlichem Wege wie in S. Miguel de Lino zu großen Ergebnissen zu kommen, tritt noch im 11. Jahrhundert an St. Philibert zu Tournus auf, da man das Mittelschiff durch Quertonnen auf Bögen, die Seitenschiffe durch Längstonnen mit Stichkappen überwölbte.
Die letzte und großartigste Konsequenz dieser germanischen Richtung im Gewölbebau finden wir in Aachen am Hochmünster angewandt, wo man, um die Mittelkuppel zu stützen, die acht quadratischen Felder des oberen Umgangs mit ansteigenden Tonnen bedeckte (s. [Abb. 165]). Ähnlich beim Chorumgang zu Vertheuil aus etwas jüngerer Zeit mit Quertonnen um das mittlere Chorgewölbe, die sich sogar nach der Mitte zu verengern.
Hier ist als verwandt der interessante Zentralbau der Kirche von Germigny-des-Prés bei Orleans noch zu nennen; dort stoßen gegen eine mittlere Kuppel oder einen flachgedeckten Mittelturm ebenfalls vier Tonnengewölbe (s. [Abb. 160]); die übrig bleibenden Ecken sind mit kleinen Kuppeln überdeckt; die Ostseite ist mit drei Apsiden von hufeisenförmigem Grundriß abgeschlossen[28].