Kurz — es ist erstaunlich, wie die germanische eben erwachte Wölbkunst unter gänzlicher Abkehr von südlichen Mitteln und Formen rasch eigene Wege einschlug, die sie erst verließ, als der herrschend gewordene romanische Stil die ausschließliche Anwendung der Kreuzgewölbe sozusagen erzwang und damit jener eigentümlichen Richtung ein allzufrühes Ziel setzte.

Erst die Renaissance hat den abgerissenen Faden wieder angeknüpft und die großartigsten Wirkungen durch Kombination von Haupttonne und niedrigeren Quertonnen und Nebenkuppeln geschaffen, manchmal durch die Vierungskuppel zum Höchsten gesteigert. Eine Anordnung, die selbst in St. Peter in Rom noch durchblickt.

Es muß aber als kaum zufällig bezeichnet werden, daß auch diese Wiederkehr des Gedankens ihre klarste und großartigste Durchbildung auf deutschem Boden gewann: in der Michaelskirche zu München, einem der kühnsten Wölbwerke kirchlicher Baukunst aus der Renaissancezeit.

Emporen

Eine auffallende Beobachtung ist die, daß auch seitliche Emporen bei den späteren Kirchenbauten, die wir noch als germanisch bezeichnen dürfen, häufig sind, nicht nur westliche. So finden wir bereits im Aachener Münster und in Nymwegen wie bei S. Michael in Fulda solche, dort freilich an das Muster von S. Vitale erinnernd. In der Peterskirche zu Werden desgleichen rings um den quadratischen Mittelraum (s. [Abb. 172]). In der Stiftskirche zu Gernrode, S. Lorenzo zu Verona wie in S. Ambrogio zu Mailand nach südlichem Muster nur über den Seitenschiffen.

An diese nordische Art, wie sie z. B. in Werden geübt ist, erinnert lebhaft manche spätere Doppelkapelle, z. B. die in Nürnberg; um einen quadratischen Mittelraum auf Säulen zieht dort die Oberkapelle emporenartig herum. Diese Ähnlichkeit ist von hohem Interesse.

Was die Wölbung bei Profanbauten anlangt, so zeigt die letzte uns erhaltene steinerne Königshalle in Spanien noch heute ein langes Tonnengewölbe mit Querrippen und Strebepfeilern.

Balkendecke

Sonst scheint, sowohl nach dem, was die Reste sagen, als was durch Schriftsteller sich an Nachrichten erhielt, in den Königspalästen wie sonst in germanischen Profangebäuden die Holzbalkendecke herrschend gewesen zu sein. Ermold Nigellus erwähnt solche in der Pfalz Ludwigs des Frommen in der Charente; die Reste des Merowinger-Saalbaus in Aachen zeigen noch die Konsolen für die Deckenbalken.

Selbst eichene Holztäfelung wird als Schmuck der Räume desselben Palastes gerühmt, was ja wohl als selbstverständlich scheint. Denn Holzbekleidung der Wände ist von alters her bis heute den germanischen Völkern das Eigentümlichste.