Dies alles erfuhr ich natürlich nicht von ihr allein, besonders über die Vorgänge während ihres Aufenthaltes in Mariabrunn und Italien hat sie nichts erfahren, da aber, wie ich sagte, die Sache damals viel Staub aufgewirbelt hat, hörte ich alles Nähere von Onkel und Josef. Wenn Du mich aber fragst, wie ich selber mich zu der ganzen Geschichte verhalte, und was ich der armen Irene gesagt habe, als sie mich zur Beichtmutter erkor, so bin ich durchaus in Verlegenheit. Ich bin sicherlich überzeugt, daß man Gott auch in Kirchen und Klöstern dienen kann — — o weh! Das ist ja ein wildes, unchristliches Paradox, aber so gehts, wenn man sich recht präzis ausdrücken will und obendrein einen Vater gehabt hat, der die Natur für Gottes einzigen Tempel ansah, und zwar in rein gotischem Stile erbaut, wie er mir mehr als einmal auseinandersetzte. Irenes Wesen ist mir gar nicht klar. Das Kindliche, ja Kindische darin scheint ihrer Verständigkeit — sie hat einen geradezu scharfen Geist — zu widersprechen, und diese wieder ihrer so empfindsamen Heilandsverehrung; zurzeit ist sie noch ein rechtes Chaos, aus dem alles werden kann, ob aber eine Nonne oder eine Mutter, das zu entdecken, reicht mein Scharfsinn nicht aus. Und als sie mich so flehentlich um Rat bat, da hab ich, meine Verlegenheit mit Mühe bemäntelnd und anstatt ihr irgend Tatsächliches vorzuschlagen, gedacht, mit meiner eigenen, bescheidenen Persönlichkeit auf sie zu wirken; habe sie gebeten, sich zu beruhigen, etwas Zeit hingehen zu lassen, mich recht oft zu besuchen, die Orgel zu hören, eine Weile einfach und beschränkt hinzuleben und dabei ein bißchen in sich selbst hinabzuhorchen. Den himmlischen Stimmen, die, wie sie behauptet, beständig nach ihr riefen, das Ohr zu verschließen, sich die gute Erde anzusehn und zu warten, ob es nicht ganz allmählich stiller in ihr würde, lauter simple Dinge, mein Magdakind, bei denen ich, glaub ich, mehr an Dich gedacht habe als an sie.

Als ich aber das getan hatte und allein war, da mußte ich das tun, was ich auch eben wieder lange Zeit getan habe. Ans Fenster gehn, den Himmel ansehn und denken: Wer bin denn ich? Wer bin denn eigentlich ich, die andern Leuten Dinge vorredet? Was habe ich schon geleistet, welche Erfahrungen berechtigen mich? Was, ja was berechtigt mich zu dem Dasein, das ich führe, und das mir einfach gegeben ist? Trug ich auch nur das Geringste dazu bei? Und wenn ichs nicht tat, — ja, wer bin ich denn? Wer bin ich, Magda, wer bin ich?

Gute Nacht, mein Herz! Schlafe gesund! Gute Nacht!

Renate

Magda an Renate

12. September

Liebste!

Ich kann Dir noch nicht schreiben. O tausend, tausend Dank Dir und Deinem lieben Onkel für die wunderbaren Rosen! Wie gut seid Ihr alle zu mir! So viele Menschen sind jetzt gut zu mir. Die Rosen waren nur ganz wenig erschlafft und haben sich herrlich erholt. Wenn ich in mein Zimmer komme, ist es ganz voll Duft, und des Nachts, wenn ich aufwache, schimmern sie im Dunkel so feierlich, daß ich ordentlich beruhigt wieder einschlafe, als ob jemand im Zimmer sei, der Wache hält. Bald schreibe ich mehr. Grüße Irene! Die Arme, wie mag man sie gequält haben! Ach, ich weiß schon, wir sind so selbstsüchtig im Schmerz, als wären wir es ganz allein, die zu leiden haben, und doch ist es so: es ist Schmerz in der Welt, und jeder muß seinen Zoll bezahlen, und jeder muß vor allem ihn aus sich zu läutern versuchen, das ist das einzige Mittel, ihn aus der Welt zu schaffen.

Eben bekomme ich dies von Georg. Ich schreibe es Dir ab. Nun sieh nur, wie gut er ist, wie er mich versteht, ohne zu fragen. Ach, ich bin wohl weit entfernt davon, so zu sein, aber es hat mich etwas tapfrer gemacht, zu denken, daß ich einmal so sein könnte, und ich will mir das Gedicht als Wegweiser aufheben.

Viele, viele innige Grüße von Deiner