Ich lege Dir ein, was ich von Irene Herzbruch für Dich geschrieben habe. Es ist eine Art Geschichte geworden; als ich anfing zu schreiben, fiel mir so allerlei ein, ich habe ja auch von jeher einen fabelhaften Ruhm als Märchen- und Geschichtenerzählerin genossen, auch bekanntlich als Dreijähriges schon Verse gemacht von dieser Art:
Die Fledermaus fliegt um die Häuser
Und sucht sich ihre Fledermäuser.
Irenes Geschichte nebst einer historischen Einführung
In der Entwicklung des Geschlechts derer von Herzbruch, deren letztes Zweiglein unsre Irene darstellt, läßt sich eine ähnliche Linie verfolgen wie in dem der Montforts. Beide sind von ältestem Adel, beide mußten aus ihrer Heimat auswandern, die Herzbruchs aus Salzburg als Protestanten, die Montforts aus der Ile de Paris als Hugenotten. (N. b. Ich erzählte Dir wohl von unserm Stammsitz Montfort l’Amaury bei Rambouillet, nicht weit von Paris, den ich mit meinem Papa kurz vor seinem Tode besuchte, und daß zwei aus unserm Geschlecht Connetables von Frankreich waren, einer Kreuzfahrer und einer, Simon, Graf von Leicester, Schwager Heinrichs III. und Regent und Protektor von England. Das ist lange Jahre her, aber nun — — Vetter Josef hätte weder der Engländerin, noch dem Kreuz, noch der Oriflamme Schande gemacht.) Die Herzbruchs hielten sich längere Zeit auf der sogenannten Höhe des Daseins, als Soldaten, Marschälle, Kämmerer, Kommandanten und dergleichen, verarmten aber mit der Zeit, und der Rest ist nun ein mit dem Majorstitel pensionierter Hauptmann nebst Gattin und Tochter. Diesem Schicksal entging allerdings ein Zweig der Familie, indem ein Ottokar von Herzbruch seine eigene Schuldenlast und die allgemeine Last Deutschlands, nämlich Napoleons Regime, hinter sich ließ und nach den Vereinigten Staaten ging, das heißt als loyaler Mann in englischen Diensten. Er focht dann siegreich gegen die Union in verschiedenen Schlachten, zuletzt aber mußten die Engländer bekanntlich doch Frieden machen, die Union anerkennen, und er ging nach dem Königreich, machte eine reiche Heirat und kehrte Anfang der zwanziger Jahre nach Deutschland zurück, wo es ihm als englischem Untertan leicht wurde, in Hannover den Verlag und die Hofbuchhandlung (des Herzogs von Cambridge), die damals ein Schotte namens Max Grew besaß, zu kaufen. Demnach scheinen seine kriegerischen Gelüste mit der Zeit nachgelassen zu haben. Sein Sohn trat in die jetzige Verlagsbuchhandlung hier in Altenrepen, heiratete die Tochter des damaligen Besitzers, übernahm das Geschäft später, und dessen Enkel namens Otto ist jetzt Inhaber des Verlags. Der Großvater Ottokar hatte seinen Adel eingebüßt, war aber protestantisch geblieben, während der adlig gebliebene Zweig mittlerweile katholisch geworden war, seit ein andrer Herzbruch, der gegen Napoleon mit der deutschen Legion in Spanien gefochten hatte, dort dies Bekenntnis angenommen hatte, nämlich einer wunderschönen Andalusierin zuliebe, die Dolores hieß, wie alle Spanierinnen, die nicht Carmen heißen.
Nun zu den Montforts. Die hatten das Leben anders angreifen müssen, wurden gleich nach der Auswanderung Händler und Kaufleute und haben schon seit über hundert Jahren an ihre adlige Vergangenheit keine andere Erinnerung mehr als ihren Nachnamen nebst einer Vorliebe, ihm zuweilen einen französischen Vornamen zuzugesellen, und deshalb heißt mein Onkel Augustin. In ihm scheint freilich mit diesem Vornamen eine Nachdämmerung des alten Glanzes mit heraufgekommen zu sein. Seine Tätigkeit als Eigentümer der chemischen Werke scheint er nur notgedrungen als einziger Sohn auf sich genommen zu haben; dies erbte er vom Vater; von den Vätern dagegen waren ihm von früh auf zu eigen: eine Neigung zu galanter Lebensführung, zu schönen Frauen (seine zweite Frau war ganz herrlich, leider hat nur sie, eine Jüdin, ihre Schönheit vererbt), zu schöngeistigen Studien, zu Rosenzucht und zur Musik, welche Eigenschaften sämtlich nie übertrieben, sondern immer durch natürliches Pflichtgefühl in schönen Maßen gehalten, gewürzt mit einer feinen Dosis gallischen Witzes, den echten Franzosen darstellen würden, wäre nicht infolge eines sonderbaren Zufalles sein Aussehen, das heißt seine Züge, bei alledem so deutsch wie nur möglich, und deutsch war wohl auch die gewisse Trägheit oder Passivität, die ihn wohl noch mehr als kindliche Pietät verhinderte, einen Bruch herbeizuführen und sich ganz seinen Neigungen zu widmen. Du siehst, daß er auch ein Verschwender sein kann; für sich ist ers freilich nie gewesen. Jetzt ist er längst ein stiller, alternder Mann und lebt allein in seiner Arbeit. —
Aber was rede ich eigentlich von den Montforts? So — ich kam darauf, weil in meinem Onkel Augustin ebenso wie in Irene von Herzbruch ein Tropfen alten Blutes wieder zum Vorschein kam. Bei ihm die französische Haltung, bei ihr die Flamme der Religiosität, um deretwillen einst das Geschlecht in die Verbannung ging. Sonderbar spielt freilich das Schicksal. Denn wie gesagt sind die Herzbruchs katholisch geworden, und um dieses Glaubens willen hat jetzt die kleine Irene zu leiden, während damals die Härte des Protestantismus das Schicksal des Hauses veränderte.
Bei ihrer Geburt, die sehr schwer war, besann sich ihr Vater, als die Mutter bereits in Todesenden lag, auf seinen mit der Zeit recht lau gewordenen katholischen Glauben und verfiel darauf, den Sohn, der naturgemäß erwartet wurde, der Kirche zu geloben, und das war, so Gott mir helfe, eine ordentliche Tat, denn damit mußte das adlige Haus Herzbruch erlöschen. Nun wurde es eine Tochter, und das erleichterte die Sache, sollte man meinen; mit der Zeit kam es anders. Die Verzweiflung war in Wonne umgeschlagen, die Mutter war genesen, das Kind wuchs auf, wurde reizend, die einstige Verzweiflung verschwand gänzlich hinter den Horizont der Zeit, und von Jahr zu Jahr dachten die Eltern weniger an das Gelübde, schließlich vergaßen sie es ganz. Anders Irene. Sie wuchs mit dem Gelübde auf, das sie früh durch die gut katholische Kinderfrau erfahren hatte, die Eltern wußten gegen ein bißchen Frömmigkeit gewiß nichts einzuwenden, besonders da nichts reizender war als die kleine Irene an ihrem kleinen Betpult, über ihren Katechismus gebeugt, oder den Rosenkranz zwischen den Fingern, oder wenn sie mit zarter Stimme sang, neben der Mutter am Flügel stehend, wie auf einem Bilde von Whistler. Gleichwohl ging sie nun nicht in Frömmigkeit auf, obgleich auch ihre Spiele, solang sie klein war, frommen Geschichten und Legenden entnommen wurden; besonders beliebt war das Fronleichnamsspiel, wobei Mamas Nähtischthron, das Sofa im Salon, Papas Schreibtisch und das Kinderbett die verschiedenen Stationen abgeben mußten. Trotz Singen und Beten aber war sie ein ungebärdiges, weil leicht erregbares Kind, das freilich mit ebenso großer Wonne Buße tat und sich zerknirschte, mit der sie das verbotene Eingemachte vertilgt oder die neuen Frühjahrsbeete zertrampelt hatte. Mit zwölf, dreizehn Jahren stieg die Weltlust am höchsten, die Gebete beschränkten sich auf den Morgen und Abend, und die Spiele waren jetzt folgender Art: sie begab sich mit einer Freundin Arm in Arm auf die Straße, wo das geistvolle Paar versuchte, vor möglichst vornehm aussehenden erwachsenen Personen einherzugehn und etwa diese Unterhaltung anzuspinnen: „Reitest du heut?“ „Ach, ich weiß noch nicht recht ... den Fuchs hab ich gestern etwas überanstrengt, der muß heute etwas Ruhe haben, und der Schimmel ...“ „Na, der Schimmel ist nun auch nicht mehr sehr schön.“ „Ja, wir wollen ihn ja auch verkaufen, vielleicht bekomme ich ein paar Jucker dafür.“ „Wahrhaftig? Habe ich dir übrigens schon erzählt, daß mir mein Cousin eine Reitpeitsche mit Silbergriff geschenkt hat? Ich will ihn aber vergolden lassen, es sieht doch entschieden vornehmer aus.“ Na, und so weiter ...
So wurde sie denn allmählich fünfzehn Jahre alt, die Zeit der Firmung kam und mit ihr die Backfischzeit, die der Schwärmerei, der holden Extreme, der Vergötterung von Personen, gleichviel welchen Alters und Geschlechts. Nun hatte Irene, zumal von dem elterlichen Gelübde seit langem nicht mehr gesprochen war, niemals einen andern Gedanken gehabt, als sei es selbstverständlich und gar nicht der Rede wert, daß sie den Schleier nehme, und ich glaube wirklich, daß sie sich ihre weltlichen Albernheiten heimlich immer selbst erlaubte mit der Absicht, später redlich für diese vergeudeten Weltjahre Buße zu tun. Damals nun kam es zu den ersten Kämpfen. Sie sprach mit ihrem Pfarrer über ihren Eintritt in ein Kloster. Der, welcher der Meinung war, daß dies mit dem Einverständnis der Eltern geschehen solle, bestärkte sie anfangs, nach einer Unterredung mit den Eltern aber, wo diese, ich weiß nicht unter welcher Begründung, die Erfüllung ihres Gelübdes durchaus ablehnten, wurde auch er anderer Meinung, denn er war oder gab vor, ein weltmännischer Mensch zu sein, wollte natürlich hier oben, in dem kleinen katholischen Sprengel, wo es darauf ankam sich zu vertragen, keinen Lärm erregen und es überhaupt mit den Eltern halten. So begann er denn, dem Kinde das vierte Gebot vorzuhalten, aber nun brach alles, was an Eigenwillen, Widerspruchsgeist, wahrer Frömmigkeit und Inbrunst in ihr war, hervor, sie hielt ihm Christi eignes Gebot von der Nachfolge entgegen, es gab Jammer und Tränen, sie, wenn die Eltern es nicht taten, wollte deren Gelübde halten, und ich kann mir die Verzweiflung der Kleinen wirklich denken, die sich aller menschlichen Obrigkeit ganz allein zu widersetzen getraute und an den himmlischen Geboten festhielt.
Eines Tages war sie verschwunden. Still, ohne Abschiedswort, was zuerst Verzweiflung, später den heftigen Groll der Eltern erregte, aber sie hat mir gestanden, wie es ihr unmöglich gewesen wäre, ein Wort des Grußes zu finden oder eine Bitte um Verzeihung, — sie war schon ganz ekstatisch und dem Himmel näher als der Erde. Durch polizeiliche Nachforschungen ergab es sich dann, daß sie nach Prag und zum Nonnenkloster Mariabrunn gelangt war, man setzte ihr nach, aber sie war dort nicht mehr, es schien, sie war wirklich verschwunden, und die Nonnen verweigerten die Auskunft. Sie hatten die Kleine mit Frohlocken aufgenommen, — nun, damals erregte die Geschichte viel Aufsehn, es kam heraus, daß Irene nach Italien gebracht war, schließlich mußte unsre Gesandtschaft und der Papst selber zu Hülfe geholt werden, — plötzlich war Irene wieder in Prag, und nun gaben die ganz verstörten Eltern nach und erlaubten ihr, vorläufig dort zu bleiben. Ich kann nicht beurteilen, ob das der rechte Weg war, es war ja möglich, daß sie ruhiger wurde; den Eltern wurde versichert, daß die frommen Schwestern nichts tun würden, um sie an sich zu locken ... Schließlich, als dann das Noviziat beendet war, half nichts als Gewalt. Die Eltern — nun, man weiß, wie solche im Grunde lauen Menschen bei so fremdartigen Vorkommnissen sich zeigen. Ich habe den Major gesehen, einen langen, hagern, knochigen Mann mit weißem Schnurrbart und stark beschränkter Stirn; die Mutter war wohl einmal hübsch und zierlich, muß aber früh vertrocknet sein und kennt, wie es beim Bürgertum üblich, keinen Willen als den ihres Mannes. Beide haben wahrscheinlich während der langen Dauer des Streites dessen ganze Gründe vergessen, sahen nur noch eine widerspenstige Tochter und nannten das eigene Verlangen, die Hartnäckigkeit des Kindes zu brechen, nicht beim richtigen Namen, sondern hatten dafür alle möglichen andern, wie Elternliebe, Pflicht und dergleichen; indem sie vorgaben, ihr Kind vorm klösterlichen Absterben zu retten, folgten sie halt ihrer Selbstsucht, die nicht kinderlos werden wollte. Irene kam zurück und glaubte, vor Jammer sterben zu müssen. So weit sind wir nun.