Am 3. September
Liebste Magda,
diese Rosen hat Onkel Augustin mir für Dich gegeben. Er züchtet sie selber; dies sind wohl die letzten vom Jahr, Souvenir de la Malmaison heißen sie, und Onkel meinte, sie sähen aus, wie blasse kleine Mädchen. Hoffentlich kommen sie frisch an.
Mein geliebtes Kind! Ich habe gesucht und gesucht nach einem Wort für Dich, aber immer wieder, wenn ich nur an Deinen Brief denke, wird alles wertlos und kleinlich, selbst das, was ich Dir doch sagen will, ein Wort meines guten Vaters. Du weißt, daß ich erst zehn Jahre alt war, als meine liebe Mama starb, ich konnte aber doch verstehen, was mir genommen war, und ich war sehr zornig auf Gott, denn ihn verstand ich nicht. Da sprach Vater mir zu, mit Worten, die für ein Kind paßten, und ich habe es wohl behalten, und dies war der Sinn:
Zuerst fragte er mich, wie das letzte Gebet des Menschensohns hieße, und ich sagte: Nicht mein Wille geschehe, mein Vater, sondern der deine. Ja, sagte er, das war es, und dies Gebet ist von vielen Menschen, die sich für rechte Christen hielten, arg mißbraucht worden, als ob es hieße, man solle auf eignen Willen verzichten und alles Gott überlassen. Das heiße es aber durchaus nicht, sondern: Mach, Gott, daß ich deinen Willen erkenne! daß ich wollen kann, was du willst, daß dein Wille in mir ist. Das, sagte ich damals einfach, das kann ich nicht.
Ich habe vergessen, wie er mich damals zurechtgewiesen hat, und auch Du wirst sagen, Du kannst nicht, und dies sei das Allerschwerste.
Nein, mein Herz, ich will es Dir nicht leicht machen. Ich will nur, daß Du nicht in diesen schrecklichen Grübeleien versinkst, und ich weiß aus mir selber: es ist besser, an Gott zu rütteln wie an einem Felsen, als in sich selber hinabzustürzen. Er ist freilich überall, Leid aber macht blind, und das ist das Furchtbare daran.
Ach, Briefe sind unselige Zugbrücken! Wenn man sie aus dem Schlosse des Herzens über den Abgrund tastend hinabsinken läßt, weiß man doch nie, ob sie drüben den Rand wirklich erreichen oder nicht, und sich selber sieht man mit ihnen ganz schief überm Bodenlosen schweben und — genug des Gleichnisses! Du weißt, wie ichs meine ...
Nun lebe für heute wohl! Schreibe nur, wenn Du magst, und nimm einen innigen Kuß von Deiner armseligen
Renate