So, nun ist es still; nun endlich ist es still geworden. Heute nachmittag konnte ich — Gott sei Dank! — nicht weiterschreiben, die Herzogin bat mich, Harmonium zu spielen, und das war mir recht gut.

Du weißt wohl, daß ich Georg immer liebgehabt habe, wenn wir auch nie davon sprachen, aber ich habe ihn wohl schon geliebt, als ich noch ganz klein war. Nun habe ich an demselben Tage, wo das mit al Manach passierte, gemerkt, daß er anders zu mir war als früher. Das machte mich so glücklich, und dann bin ich ihm entgegengekommen. Weißt Du aber auch, weshalb? Das erste Unglück war schon geschehen, und ich habe gedacht, ich weiß gar nicht mehr, wie ich es fertiggebracht habe, so ungeheuerlich scheint es mir jetzt, — ja, ich habe einfach gedacht: wenn denn die Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so wollte ich doch noch ein klein wenig von der Welt vorher haben. Nur wissen wollte ich, ob er mich auch lieb hätte, und da habe ich es so eingerichtet, daß wir noch abends allein auf den Deich gegangen sind. Nun, und da ist es so gekommen, wie ich hoffte, das kann man nicht schreiben, nicht? Du weißt es auch so, und nun, siehst Du, einen Augenblick durfte ich alles vergessen und nur selig sein, aber einen Augenblick später kam das mit der Windmühle, und da wußte ich, ich hatte es nicht tun dürfen, ich hatte schon kein Recht mehr auf mich und erst gar nicht auf ihn. Nein, kein Recht mehr auf mich, ich konnte ihm alles geben — Gott, was schreibe ich denn? — Ach, das zu denken, das war eine Last!

Ich habe versucht, es wieder gutzumachen. Ich war ja klug geworden und konnte so viel mehr denken, auch, daß es Georg nicht so schwer werden würde, mich zu vergessen, weil ich ihm doch eigentlich ganz fremd bin, und so habe ich ihm geschrieben.

Ja, damals war ich noch stark und glaubte, alles ertragen zu können, jetzt kommt nun die böse Sehnsucht, jetzt muß ich nur denken, daß ich wie der Schwan auf meinem kleinen, bescheidenen Weiher herumgeschwommen bin, und wie den Schwan hat mich der Schrecken aufgescheucht, daß ich zu fliegen wagte; ja, ich bin geflogen, und es brauste mich fort über das Meer, aus dem der Mond kam, und in das die Sonne versank. Da zerbrach mir der Flügel, und ich habe nicht einmal meinen Teich wiedergefunden, mit meinem lahmen Flügel, den ich nicht abhauen kann, denn mein Herz ist darin, und ohne Herz kann man doch nicht leben, oder kann man?

Es wird mir doch noch das Herz abdrücken. Das Sagen erleichtert mich zwar ein wenig, und die Nacht ist so still — ich habe früher nie gewußt, wie still die Nacht sein kann. Ich habe immer nur mich selbst gefühlt, und wenn ich zufrieden war, so wars gut. Meine kleine Lampe brennt, ich glaube, ich kann sehn, daß sie es gut mit mir meint, und auch die Wände sind freundlich, sind hell und so nah um mich, daß ich mich fast sicher fühle. Und Du bist ja auch da. Georg ist fort, ich habe ihn vor seiner Abreise nicht mehr gesehn, das wird für uns Beide nur gut gewesen sein.

Das mit dem Maler, daß er sich selbst geliebt habe, wie ich mirs dachte, das ist nun auch falsch gewesen, oder ich weiß nicht ... Man hört etwas von einem Menschen, und dann macht man sich eine Vorstellung, aber für ihn selber ist es doch ganz, ganz anders gewesen. Ich fragte ihn nämlich, wie man es anfangen könnte, sich selbst zu lieben, aber das verstand er gar nicht. Ja, wie man denn das könnte ... Wie ich nun verlegen wurde und ungefähr zusammenbrachte, was ich von ihm gedacht hatte, da meinte er, ich hätte wohl recht, denn er hätte immer nur für sich allein gelebt und gearbeitet, und nun könnte ich es mir ja so vorstellen, daß er der Kunst wie einer Göttin gedient und geopfert habe, und indem er sie genährt und vollendet habe, habe er sich selber gedient. Aber siehst Du, das ist es ja, er selbst hat es doch nicht gewußt, hat es nie bedacht! Er hat es einfach getan, — ach, Renate, wie himmlisch muß das sein, das Rechte einfach tun zu können! Aber ich bin nun ganz durchhin, und er selber sagte noch beinah hart zu mir: An ihn dürfte ich auf keinen Fall denken, er hätte es leicht gehabt, und überhaupt dürfte man nichts verallgemeinern. Ja, was soll ich nun tun? Ich muß doch lernen, muß doch erkennen, und ja — einen kurzen Augenblick war mir himmlisch zuversichtlich ums Herz. Weißt Du, wie es war? Wie bei einem Gewitter des Nachts, wenn man aus dem Fenster sieht. Da, bei einem Blitz, leuchtet der Garten draußen und die Bäume und Wege und Büsche hell auf, daß man sie alle erkennt, nur seltsam fremd und verändert sehen sie aus. Das weiß man aber: daß am andern Morgen, wo es hell und sonnig ist, der alte Garten wie neu und frischgebadet und funkelnd unter dem Fenster liegen wird, und man wird hineingehen können, er wird einem gehören, und man wird in ihm zu Hause sein.

Gute Nacht, liebe, liebe Renate! Ich bin so müde! Schreibe mir gleich, von Dir, von Irene, erzähle mir viel, ich denke immer an Dich und bin für Dich immer Deine alte

Magda

Zweites Kapitel: September

Renate an Magda
(mit einer Schachtel voll Rosen)