Es kommt ein Nachwort: Vergiß nicht, mir von Deinem Prinzen zu schreiben, er scheint ja gar nicht vorhanden zu sein. Übrigens muß ich Dir ja noch sagen, daß mir Irene erzählt hat, sie habe als kleines Mädchen mit einer Schwester Deines Malers gespielt, die aber schon früh gestorben ist. Er war damals schon davongelaufen.

Magda an Renate

20. August

Ach, Renate, Du hast gewiß recht, wenn Du sagst, daß er auf und davon gegangen ist, und so wird es damals auch gewesen sein, aber es ist doch nicht das rechte Wort. Und wenn er seinen Eltern damit auch Schlimmes angetan hat, so hat er dafür auch jahrelang das Schlimmste erduldet, Hunger und alle Entbehrungen und dann die Verlassenheit und tausend Zweifel, und die Sorge, ob er auch das Rechte tat, und keine Anerkennung, nicht einmal bei sich selber. Und sie hatten doch auch noch andre Kinder. Du mußt nicht denken, daß er sich dessen nun rühmt oder überhaupt davon spricht, aber man sieht ihm an, was er gelitten hat, und woher die Ruhe stammt, die jetzt in ihm wohnt. Nicht an seinem grauen Haar und nicht an den hundert Falten um seine Augen, sondern, so sonderbar das klingen mag, an seinem Lächeln. Hast Du einmal beobachtet, wie Menschen lächeln? Wie Du selbst lächelst, wenn Du liebenswürdig sein willst? Dann hebst Du die Oberlippe, daß man die Zähne sieht, und ziehst die Augen zusammen. Bei ihm aber kommt es ganz von innen, die Mundwinkel bewegen sich kaum, aber in den Augen fängt es förmlich an zu rieseln, es ist ganz unbeschreiblich. Das sieht freilich nicht jeder, Papa zum Beispiel sprach neulich von seinem „malitiösen Lächeln“, das kommt eben, weil er nur die Mundwinkel gesehn hat. Ich habe auch gewagt, ihn zu fragen, wie er nun jetzt über sein Davonlaufen denkt (Du mußt wissen: der Herzog und Georg sind Anfang des Monats abgereist, Georg macht die Aufsichtsreise seines Vaters mit, die er in jedem Jahr um diese Zeit unternimmt, und wird dann nach München gehn, um Nationalökonomie zu studieren; der Maler aber und al Manach sind hier geblieben, der Herzog hat sie gebeten, seine Gäste zu sein, solange es ihnen gefällt, und Bogner will jetzt die Herzogin malen). Also, da lächelte er so, wie ich es eben beschrieb, und sagte: Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er tue, ganz abmessen, welche Wirkung es haben würde, und am wenigsten die Wirkung auf sich selbst, und er habe damals, als er sich zum Davonlaufen entschloß, nur mit einer Abwesenheit von ein paar Jahren gerechnet. So schnell, sagte er, dachte ich damals ein fertiger Mensch zu werden, aber nun habe ich freilich nur gelernt einzusehn, daß ich tausend Jahre alt werden kann, um das zu erreichen. — Ja, Renate, ich glaube, man wird hart bei solchem Leben, hart, wenn man auf sich allein angewiesen ist, und am härtesten gegen sich selbst. Kannst Du begreifen, wie fürchterlich es sein muß, sich ganz allein zu lieben? O Schwester, Schwester, mich graut vor dem Leben!

24. August

Drei Tage lang habe ich den Brief liegen lassen, ich fürchtete mich vor dem Weiterschreiben. Nun wird es immer stiller in mir. Ich lese Deinen Brief immer wieder, er ist so lieb, so ganz Du, so klug und gut, und das Schönste steht zwischen den Zeilen wie in Geschichten von Storm. Ja, es hat mich ein wenig getröstet, von Deiner neuen Freundin zu hören, aber nicht viel, und ich habe recht weinen müssen, es ist damit aber das letztemal gewesen, und sage ihr nur, wie herzlich ich ihre Grüße erwidere. Vergiß auch ja nicht, mir mehr von ihr zu erzählen.

Ach ja, Orgelspiel! Du mußt nun denken, daß ich so heimlich wie die kleine Irene am Baum stehe und zuhöre. Ich habe ja hier das Meer, mit der Orgel kannst Du doch nicht wetteifern.

später

Ich weiß nun, wie ich dazu gekommen bin, mich mit dem Schwan zu vergleichen. Vielleicht sag ichs Dir bald. Er hat sich übrigens selbst zu seinem Weiher zurückgefunden, er scheint sich zu erholen, ich füttere ihn täglich selber, Du solltest nur sehn, er ist ganz sonderbar geworden. Er versucht immer wieder zu schwimmen, aber sein gebrochener Flügel hängt schwer im Wasser und hindert ihn, dann wird er plötzlich ganz wild und hackt mit dem roten Schnabel in den Flügel, so grausam, daß die Federn fliegen, er wird schon ganz kahl. Nein, nein, nein, Renate, ich glaube nicht an Deinen Schwan, ich habe eine Angst, eine Angst! O, mein Gott, ich fürchte mich wahnsinnig! Hilf mir, Schwester, hilf mir! Was soll aus mir werden? Ich dachte, ich sei schon ganz ruhig geworden, ganz ergeben, aber ich habe nur gegrübelt und bin klüger geworden, o, lieber Gott, so klug, daß es mich graut vor meiner Klugheit. Sieh, da ist der Schwan, dem ist es gegangen wie mir. O, nun muß ich Dir endlich das Schreckliche beichten.

nachts