daß ich alles verstehe, daß und wie sehr ich mit Dir fühle und leide, das braucht Dir Deine Renate nicht erst zu versichern, denn das hast Du schon gespürt, als Du mir schriebst, nicht wahr? Es schmerzt mich sehr, daß ich nicht bei Dir sein kann, ich werde auch ganz gewiß versuchen, mich auf ein paar Tage loszumachen, aber Onkel hat in meiner Erwartung bereits die Haushälterin entlassen, und nun habe ich das ganze Haus um die Ohren. Dazu erwarten wir jeden Tag meinen Vetter Erasmus aus Marburg — es tut mir so schrecklich leid! Denn ich weiß ja, wie wenig mit dem Schreiben getan ist. Wenn man trösten will, macht das Papier alles kalt, und die Worte sinds ja auch nicht, ich müßte Dich ansehn, und Du müßtest mir glauben.
Ich stelle mir Deine Gedanken vor — denn wir müssen doch versuchen, tapfer zu sein, und der Sache ins Auge sehn — und versuche, zu denken wie Du. Nun schreibst Du von Eurem Schwan, der sich den Flügel gebrochen habe und erschossen werden sollte, Du aber hast für sein Leben gebeten und es auch erhalten. Ja, hör mal, was heißt das anders, als daß Deine Prophezeiung schon ganz erfüllt ist, nur die letzte Folgerung, die sich auf Dich selbst bezieht, die ist ausgeblieben. Nein, Kind, Du darfst durchaus nicht glauben, daß ich die Sache so ins Leichte und Oberflächliche ziehn will. Sieh mal, es kann doch für vernünftige Menschen (und das sind wir doch!) nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder man glaubt nicht daran und sieht alles für Zufall an — nun, dann gehört auch der Schwan dazu, und die Prophezeiung war eben gelogen. Oder man glaubt, und ich selbst bin weit entfernt davon, irgendwelche Zusammenhänge zu leugnen, für die uns vielleicht nur ein Gefühl abgeht, das andre Menschen, wie die Zigeunerin, doch haben können. Oder also, man glaubt daran, ganz ernsthaft und überzeugt — dann gehört wieder der Schwan dazu, denn dann ist nichts geringfügig, ein Tier ist so gut wie ein Mensch. Und kennen wir nicht aus der Schule eine Menge Weissagungen und Orakel, die eintrafen, aber in einem ganz andern Sinne, als sie aufgenommen wurden? Wie war doch das mit Xerxes, oder wie er hieß, dem geweissagt wurde, er würde ein großes Reich zerstören, wenn er über einen gewissen Fluß ginge, und hernach wars sein eignes Reich, das er zerstörte. — Du wirst es genauer wissen, Du hattest ja immer ein Faible für Geschichte.
Liebling! Mein Vater sagte bei jeder Gelegenheit, wo es paßte, das Beste in der ganzen Welt wäre die Logik. Ich lasse das dahingestellt sein, habe aber jedenfalls versucht, der Sache auf möglichst natürliche Weise auf den Grund zu kommen. Du siehst, was herauskam: es ist eingetroffen und ist nicht eingetroffen. Da ich beinah anderthalb Jahre älter bin als Du, so habe ich natürlich recht. Das Rechthaben allein nützt freilich nichts, aber sollte ich Dich nicht ein bißchen überzeugt haben?
Vorläufig bitte ich Dich, über das, was ich sagte, hübsch weise nachzudenken. Du bist immer ein braves Kind gewesen und folgsam, und damit Dirs leichter wird, schicke ich Dir ein sehr ehrbares Bild von mir, das Onkel Augustin gleich nach meiner Ankunft hat machen lassen. Das mußt Du fleißig dabei ansehn.
Nun zur Beantwortung Deiner Fragen. Über eine Familie al Manach gibt der Adreßkalender (verzeih das Wortspiel, ich lerne so was von Onkel, der freilich mit etwas feinerem Witz begabt ist als ich) keine Auskunft. Den Sanitätsrat Bogner habe ich nicht nur im Adreßbuch gefunden (er wohnt übrigens in Waldhausen wie wir, zwei Straßen von uns), sondern auch von zwei Menschen etwas über ihn gehört, von Onkel und noch jemand (davon gleich!). Onkel erinnerte sich, daß Dein entlaufener Maler mit meinem Vetter Erasmus in die Schule gegangen ist, er schien auch mehr zu wissen, sagte aber nichts. Der alte Bogner übt übrigens, wie ich erfahren habe, keine Praxis mehr aus, er leidet selbst an den Augen und droht zu erblinden, das sag nur Deinem Maler. Und nun muß ich Dir von einer kleinen Freundin erzählen, die ich schon bekommen habe. Wirst Du auch eifersüchtig?
Am Abend hatte ich mich noch mal zu meiner Orgel geschlichen und so recht in Phantasien und Wehmut geschwelgt und war, als ich noch ganz fromm und trübe zurückging, in den Gemüsegarten geraten, da sehe ich über den Zaun aus dem Nachbargarten zwei unmenschlich große Kinderaugen auf mich gerichtet. Kinderaugen, dachte ich erst, aber das kleine Wesen ist schon achtzehn Jahr alt, wie ich nun weiß, und ziemlich groß, auch entzückend ausgewachsen; es trägt aber die Haare kurzgeschnitten, wie Deine Herzogin, aber in den reizendsten rotgoldenen Löckchen, und ein Gesichtlein saß darin, nein, so etwas Liebliches, Ängstliches und so etwas von Verweintheit — kannst Du Ärmste gewiß sehn, wenn Du in den Spiegel schaust, aber das mußt Du nicht. Das tat nun gleich ein zitterndes Mündlein auf und sagte recht innig und freundlich aus seinem grünen Buschwerk heraus: „Ach verzeihen Sie nur, haben Sie eben so wunderschön gespielt?“ Ich bekannte mich dazu, und da hat mich die Kleine gebeten, zuweilen so am Zaun stehn zu dürfen und zuzuhören. Gott, diese Unschuld, die sogar um Erlaubnis bittet, nassauern zu dürfen. Eh ich dann noch weiter mit ihr reden konnte, war sie entwischt, und ich sah nur noch, daß sie ein sehr schlecht sitzendes schwarzes Kleid und statt eines Gürtels einen — Rosenkranz trug, dessen Kreuz ihr nachflog. — Ein paar Tage später fiel mir mitten im Üben ein, die Kleine möchte wieder am Zaun stehn, ich brach sofort ab, lief hin, und richtig, da stand sie, hatte ihren Rosenkranz in der Hand und sah wie eine kleine Heilige aus. Da half nun kein Widerstreben, ich nahm einen Gartenstuhl, schwang ihn über den Zaun zu ihr hinüber und befahl ihr bei Todesstrafe, zu mir herüberzuklettern, und siehe da, sie machte es viel geschickter und natürlicher, als ich gedacht hätte.
Nun scheint es einmal so, daß ich für alle Menschen die Beichtmutter abgeben muß, in der Pension kamen sie ja auch immer alle zu mir. Die Kleine jedenfalls schmolz zu Tränen in meinem Schoß und flehte mich himmelhoch an, ich sollte ihr helfen, ihr raten, sie könnte das Leben nicht ertragen.
Sie heißt Irene von Herzbruch, aber die Geschichte erzähle ich Dir ein andermal, mein Herzekind, heut nur noch eins. Wie ich jetzt aus Deinem Briefe sehe, war es zu derselben Stunde, wo sich die Kleine bei mir ausweinte und mich auch ein wenig getröstet und hoffnungsvoll verließ, daß Du meiner bedurft hättest und gewiß an mich gedacht hast. Nun siehst Du, sollte es Dich nicht ein wenig freuen können, daß die kleine Irene das bekommen hat, was Dir fehlte? Ich denke wenigstens, so gleicht sich alles ein wenig aus. Ahnen könnte man ja freilich immer, daß es so ist, aber das gilt nicht viel, und hier kannst Dus einmal wissen. Ich habe es Irene schon gesagt, und sie schickt Dir einen schönen Gruß, und sie hätte es an Deiner Statt angenommen, wenn Du es erlaubtest. Erlaubst Du?
Nun genug, mein Liebling, Du mußt ja diesen Brief morgen noch haben. Schreibe bald, wie es Dir geht, versuche bitte! ich weiß, wie schwer es ist, aber versuche, das Heilsame zu denken und nicht das Giftige! Ich spiele die Orgel für Dich, mein Kind, und habe Dich von ganzem Herzen lieber als alle Andern!
Deine Renate