Liebster Georg!

Für Deine lieben, lieben Zeilen sei tausendmal bedankt! Ja, ich bin ganz wiederhergestellt, nur noch ein wenig schwach, aber das wird bald vorübergehn. Nein, ich schelte nicht, daß Du das Bild gestohlen hast, Papa hat es bei meinem Kranksein wohl gar nicht gemerkt, gesagt hat er jedenfalls nichts, und ich habe ihm jetzt ein andres aus demselben Dutzend hingestellt. Behalte es lieb, mein Bild, Du mußt Dich nicht wundern, daß ich das sage, denn, mein lieber Junge, Du darfst mir nicht mehr schreiben, und ich werde es auch nicht tun. Papa würde es nicht gern sehn — aber das ist freilich nicht der Grund.

O Georg, zürne mir nicht, wenn ich Dir jetzt kalt und herzlos scheine! Glaube immer, daß ich Dich lieb habe, daß ich keinen Menschen in der Welt so liebe wie Dich, aber Du darfst nicht mehr an mich denken. Nein, schreibe mir nicht, frage nicht, sei still, o versuche so still zu sein, wie ich es werden muß, damit ich das Leben ertragen kann, — auch wenn Du mich nicht verstehen kannst. Dir wird es ja gewiß auch leichter fallen, Du bist unter den vielen Menschen und siehst soviel und erlebst soviel, was mehr Raum in Deinem Leben beansprucht, was Du auch mehr brauchst und was Dir viel mehr geben wird, als ein kleines, armes Mädchen, wie ich, Dir geben kann, und — und das Beste hast Du ja schon bekommen.

Nein, Georg, Du darfst nicht fragen. Du würdest mich nicht verstehn, was nützt es, Dir zu sagen, daß es mit der Prophezeiung zusammenhängt. Du würdest versuchen, mir solche Gedanken auszureden, und das, siehst Du, das würde mir doch weh tun. Tragen helfen kannst Du mir doch nicht, ich würde Dir nur eine Last sein, das kann auch kein andrer Mensch, ich muß es ganz allein versuchen. O lieber Georg, ich muß manchmal denken, wie gut es ist, daß wir uns so fremd sind. Als ich zu Bett lag, hab ich das immer denken müssen. Es klingt vielleicht sonderbar, daß ich mit meinen siebzehn Jahren das sage, aber die Gedanken sind wohl da und kümmern sich nicht viel darum, von wem sie gedacht werden. Du weißt ja auch nicht, was ich in dieser letzten Zeit erlebt habe. Mir ist, als wäre ich viele Jahre älter geworden, und Du bist jung und hast unendlich viel Schönes vor Dir. Ich aber, Georg, ich darf an nichts mehr denken. O es war schön, als wir zwei auf dem Deich standen! Die Sonne sank, und der Mond kam herauf, wie die beiden Eimer in einem Brunnen, und mir war, als stünden wir am Rande der Welt, als wären wir weit aus dem Leben herausgetreten. Und siehst Du, Liebster, nur Du bist wieder zurückgegangen, ich bin draußen geblieben. Ich muß nun alles mit andern Augen ansehn, mir ist, als gehörte ich nicht mehr dazu, und wenn ich auch noch eine kleine Weile unter den Andern zu sein scheine, so bin ich es doch nicht mehr. Ich habe vielleicht noch ein wenig zu tun ... da ist der arme al Manach, der recht krank geworden ist und gepflegt sein will, das muß ich doch nun verantworten. Du bist gesund und jung und stark und kannst allein gehn und Dich wehren; ich muß mich nach denen umsehn, die leiden und traurig sind, die alles verstehn und alles kennen und nur Schlimmes erfahren haben.

Ach, laß mich aufhören, ich finde die Worte nicht! Mein Bild sollst Du liebbehalten und zuweilen ansehn, so als wäre ich gestorben, weißt Du, und das will ich auch sein für Dich. Nun geh, mein lieber, lieber Junge, vielleicht wirst Du mich einmal verstehn und nicht mehr mit Kummer denken an Deine Dich immer, immer liebende

Anna

Und nicht schreiben, nicht antworten, wenn Du mich lieb hast!

Renate an Magda

Altenrepen, am 9. August

Mein gutes Mädchen,