Das Wasser hat erst nicht geschadet, es war ja so warm, ich hab mich nur umziehn brauchen. Nur Deine schöne Stickerei ist hin; ich hatte die Bluse an mit dem Kreuzstichmuster, das ich Dir abgebettelt hatte; der eine Ärmelbesatz ist zerrissen, ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Am andern Tage war dann die Erkältung da. —

Von dem, was noch am Tage passierte, kann ich weiter nichts sagen. Daß ich geflogen bin, weißt Du, es war nachmittags. Ich war so in Erregung, und alles war so seltsam, ein Gewitter gab es — es geht mir jetzt alles durchhin, und es ist ja auch gleichgültig. Nur von Artaxerxes muß ich noch schreiben. Er ist nämlich aufgeflogen, als ich in den See hineinplantschte. Später, beim Gewitter, kreiste er noch über Helenenruh und schrie dabei, und es war so sonderbar, als ob irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihm — — ach, liebe Renate, Du mußt Dich nicht wundern, daß ich so verrückte Sachen denke, es ist alles in mir so verstört, die ganze Welt ist anders geworden. Und der Schwan ist doch nicht fortgeflogen, und das war sein Unglück, denn als wir über das Wäldchen flogen, wurde er von der Schraube getroffen, brach einen Flügel und stürzte hinunter. Wie schrecklich, nicht, Renate? Nun konnte er fliegen, und da warfen wir ihn wieder hinunter. Papa hat ihn richtig erschießen wollen, weil er sich doch nur quälen müßte, und Papa ist ja so, — aber Georg — ich hatte ihn gebeten — hat es erreicht, daß er leben bleiben durfte, und er scheint sich wieder zu erholen, und verhungern wird er schon nicht.

Ich kann nicht mehr schreiben. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht.

6. August

Und nun wurde es Abend. Georg und ich gingen noch einmal an das Meer. Vor Dunkelwerden kamen wir in die Gegend von Lüdersens Deich und der Windmühle, die dort steht, und wir hatten grade den Maler getroffen, da ereignete sich das Schreckliche. In der Nähe der Mühle, auf dem Weg von Helenenruh erschien auf einmal al Manach, der den ganzen Tag im Bett gelegen hatte, er machte ganz wahnsinnige Gebärden, und dann stürzte er sich auf die Mühle zu, es war ganz klar, daß er in die Flügel hineinlaufen wollte, um sich umzubringen, und Bogner lief gleich hin, wäre aber viel zu spät gekommen, und da habe ich Georg sein Teschin weggenommen und habe al Manach in die Beine geschossen — o, ich kann schießen! — und dicht vor den Flügeln ist er zusammengebrochen. Da bin ich ohnmächtig geworden.

Und doch, doch, eh ich anlegte, und so schnell alles wieder ging, hörte ich deutlich eine Stimme in mir rufen: Tus nicht, es ist das zweite Mal! Aber da ging der Schuß los. Geschadet hat er nicht viel, es war ja Schrot. Und siehst Du, am folgenden Tage sagte Papa immer, es wäre doch hahnebüchen, einem lebendigen Menschen eine ganze Schrotladung in die Beine zu geben, und das war so komisch, daß ich furchtbar an zu lachen fing; ich konnte gar nicht aufhören, und dann ist ein Weinkrampf draus geworden. Nun ist es endlich still.

Tausend, tausend Dinge hätt ich Dir noch zu sagen, aber ich komme nicht weiter, und Du verstehst ja auch alles. O die Gedanken, die Gedanken! Es muß noch stiller, viel stiller werden. Schreibe mir bald und viel und von Dir! Vergieb, daß ich gar nicht nach Dir und den Deinen fragte, aber was Du schriebst, überstrahlt ja alle Fragen. Davon mußt Du mir mehr erzählen, und es wird mich mehr beruhigen als alles andere. Tausend innige Gutenachtküsse von Deiner

Magda

Magda an Georg

Helenenruh, 7. August